Back to Morocco, zurück zuhause?

 

Es war nicht so geplant, ich reibe mir die Augen, kratze meinen Kopf und frage mich: Wie konnte das nur passieren? Zwei Monate vorbei. Zeitliche Mehrkapazitäten, zwei Personen mehr im Haushalt, keine schulischen Verpflichtungen, ein bisschen Sonne, ein bisschen Regen und viel Familienzeit. Und so machten auch meine Vorsätze Urlaub. Und das hieß: zwei Monate Hitzefrei für meinen Blog. Er ist da hart im Nehmen, aber ihr?! Ich hoffe sehr, ihr verzeiht es mir und bleibt dabei.

Sechs Wochen der zwei Monate war ich in Deutschland und es passierte etwas Unglaubliches. Ich, die Marokko mag, aber auch einiges kritisch sieht, die aus der Ferne einen neuen Blick auf Deutschland geworfen hat (der positiver ausfiel als ich vorher jemals gedacht hätte), der die Lärmkulisse manchmal über den Kopf wächst, das Leben manchmal anstrengend findet (und ich habe schon so viele Annehmlichkeiten!), die mit ihren pädagogischen Ansprüchen hier irgendwie nicht reinpasst, die nicht locker genug, deren Zunge zu schwerfällig, und mein Anspruch an alles insbesondere an mich meist viel zu hoch, ist… Ich, deren Selbsteinschätzung meines Grades von Integration vernichtend ausfällt und die einfach sehr viele Menschen und Dinge aus Deutschland vermisste…. Ich freute mich, trotz großer Abschiedsschmerzen meiner Familie und Freunden sei Dank, tatsächlich vor unserem Rückflug auf Marokko. Ich war fassungslos. Was war mit mir passiert? Mein Weltbild wurde zerstört. Was hatte sich geändert?

In Deutschland angekommen:

Ich sehe Menschen hin und her hetzen, zur U-Bahn rennen und denke: Hey, mach dich doch mal locker, kommt doch in 5min. die nächste! Ich sehe Menschen, die sich in überfüllte S-Bahnen quetschen und sich lieber als 1001. Sardine zwischen die anderen tausend schieben und unerwünschten Körperkontakt haben, als den anderen zu fragen, ob er mal rutschen kann. Hey, frag doch einfach! Tut echt nicht weh. In anderen Ländern reden sie sogar ohne dringenden Grund miteinander, einfach so, zum Spaß. Echt wahr! Ich, die sich schwertut mit Smalltalk, schnacke mit Verkäuferinnen und freue mich, wenn Menschen zurücklächeln und antworten.

Ich ertappe mich dabei, dass ich auf dem Spielplatz einfach eingreife, wenn ein Kind grad Hilfe braucht. Und hinterher merke: Ups, die Frau, die mich gerade mit den Blicken aufspießt, ist bestimmt die Mama. Hätte wohl nichts machen sollen. Meistens sitze ich aber am Rand und quatsche, ein Auge darauf, dass sich die Kinder nicht erhängen oder in den Tod stürzen. Droht keine unmittelbare Lebensgefahr, weil meine Kinder einfach nur die Rutsche blockieren oder mit anderen einen Platz auf dem Klettergerüst verhandeln, lasse ich meine Aufmerksamkeit lieber bei meinem Gespräch als dazwischen zu funken. Und wenn irgendjemanden etwas nicht passt, wird er das meinem Kind schon sagen!  Ach nee … Moment. Das war hier ja anders. Ich falle wieder einem gedanklichen Speerstoß zum Opfer, seitens der Mütter, deren Kinder die Rutsche benutzen wollen, auf der meine es sich gerade so richtig gemütlich machen. Apropos Gemütlichkeit: Ich fragte mich in meinen Tagen in einer Bungalowsiedlung mitten im Wald am See, mit wunderschöner Umgebung und Platz zum Spielen, wo um alles in der Wald die Menschen dieser Stadt abgeblieben waren. Die spitzen Schreie kamen meistens von meinen eigenen Kindern, der Rest der Siedlung war einfach nur ruhig. Wenn diese Siedlung in Marokko liegen würde….eine Grillparty jagt die nächste und vor lauter Kindergetümmel und Stimmengewirr könnte man wahrscheinlich keinen einzigen Vogel mehr hören.

Meine Kinder gehen nach meinen Eltern ins Bett, Mittag gibt es um 14.30h. Ich melde mich den Abend vorher, wenn ich am Folgetag eine Freundin treffen will, ich entscheide am Tag selbst, ob ich nach Hamburg fahre oder doch erst am nächsten, ich stehe auf und weiß noch nicht, was der Tag bringt. Ich besuche den, der eben gerade zufällig zuhause ist. Ich befinde zweimal hintereinander kalt essen als inakzeptabel und Fertiggerichte zum Aufwärmen als unlecker. Wenn Besuch kommt, fange ich an wie wild in der Küche zu routieren mit dem Ziel, dass auf dem Tisch mindestens drei Sorten Kuchen oder Kekse stehen. Bis mich meine Mutter an den Stuhl tackert und die gekauften auf den Tisch packt. Folge: ein schlechtes Gewissen, als hätte ich irgendwas verbrochen.  Hmmm, komisch, klingt alles sehr nach Marokko. Aber nee, muss Zufall sein. Ich – marokkanisiert? Niemals!!!

Spontanität kannte ich doch schon …  ein bisschen.

Okay, mein Terminkalender hielt auch Termine drei Wochen im Voraus für mich bereit. Und Wochen, die so exakt durchgeplant waren, dass ein Zusammentreffen mit meiner älteren Nachbarin, die gerne im Treppenhaus schnackte, eine Kettenreaktion von Verspätungen nach sich zog. Und jetzt kamen wir an und lebten das Gegenteil. Hat manchmal gerade so geklappt. Ich befürchte, dass alle Menschen um uns herum uns zuliebe ein Höchstmaß an Toleranz und Flexibilität aufbrachten, um Zeit mit uns zu verbringen.  Denn die Anderen hatten auch Pläne. Die anderen arbeiten, gehen zur Schule, lernen. Oho, wer hätte das gedacht? Und wir platzten da mitten hinein. Ich kann mir gut vorstellen, dass der/die ein oder andere im Stillen geflucht hat. Aber alles ging gerade nochmal gut. (AN alle von euch, die diesen Text hier lesen und sich angesprochen fühlen: DANKE für Eure Rücksichtnahme und Nachsicht mit uns! Ich liebe Euch alle!)

Apropos freuen auf Zuhause in Marokko. Es war auch einfach sooooo schön nach Hause zu kommen, in Deutschland. Wie toll der Wald nach dem Regen riecht, wie sich Gewitter und eine Meeeeeeenge Regen anhört oder anfühlt ( ein lieber Gruß an Dich, mit der ich einen ganzen Nachmittag auf einem Hamburger Spielplatz im strömenden Regen verbracht habe, ein Regen wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte nach einem Jahr in Marokko), wie sich morgendliches Vogelgezwitscher anhört, wie einfach Autofahren oder einkaufen sein kann, wie schön es ist seine eigene Sprache zu hören… Ja, es gibt Dinge, die ich vermisst habe, die mich berühren und beruhigen, die mir bekannt sind und Sicherheit geben. Und Dinge, die mich nerven und reizen, ja, die mich sooo wütend machen (Stichwort Rechtsruck). Diese Überheblichkeit und Arroganz, diesen Hass, die manche Bürger in Deutschland gegen andere Menschen mit sich herumtragen, habe ich auf nordafrikanischem Boden noch nicht erlebt.

Und so bin ich inzwischen wohl angekommen in Marokko. Marhaba! Auf ein oder viele neue Jahre mit dir, mit mir und hoffentlich mit euch als Begleiter und Mitleser!

 

 

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Welcher Ramadan-Typ wärst Du?

Es ist Ramadan. Ein so schönes Thema zum Schreiben, soviel zu erzählen, und doch fehlen mir die Worte. Denn, erstens kann ich mich nicht entscheiden, was ich euch zuerst erzähle. Und zweitens ist manches auch schwierig zu beschreiben, wenn ich im Kopf habe, dass es meistens nur heißt: Im Ramadan essen und trinken Muslime nichts von Sonnenauf – bis Sonnenuntergang. Was für eine Reduzierung…

Viele Muslime würden alles dafür geben, dass sie diese Zeit in einem muslimischen Land verbringen könnten. Trotz Hitze. Atmosphäre ist also auch ein Thema im Ramadan. Sicherlich auch Kindheitserinnerungen. Aber all das an einem anderen Tag. Bei uns heute erst einmal:  Was macht man denn so? Einen Monat lang schlafend auf der Couch liegen? Kommt auf den Typ an, zwei lernt ihr gleich kennen.

Achtung, kleiner Warnhinweis vorweg: Weiterlesen

Über Carpe Diem

 

Lang, lang ist es her, als ich noch frisch und jung war, da liebte ich diesen Spruch. Wahrscheinlich wie fast alle Teenager, auf der Suche nach meiner Nische und meiner Gruppe, liefen mir diese weisen Sprüche über den Weg und ich schrieb sie mir überall hin. Nur … ich verstand sie anders.

Ich befolgte diese Weisheit, dachte ich. Indem ich 24 Stunden alles abzuringen versuchte, was es abzuringen gibt. Dass DAS damit gemeint war, glaube ich inzwischen nicht mehr. Geblieben sind Erinnerungen an Gesichter, Gesagtes, Situationen, die zu der leisen Sorte gehören.

Inzwischen hat sich mein Leben entschleunigt, gezwungenermaßen. Das Tempo ist in Marokko anders. Es ist trotzdem anstrengend, anders anstrengend. Aber letzte Woche begriff ich wahrscheinlich, was dieser abgedroschene Spruch heißen könnte.

Letzte Woche gab es diesen superunspektakulären Tag. Ein Tag, der wegen der Aufgaben, die mit ihm verknüpft waren, zu meinem Ober-Hasstag hätte werden können. Er hatte das Potenzial dazu.

Auf dem Programm stand Frühjahrsputz. Ich war spät dran. Ramadan stand vor der Tür. Weiterlesen

Ursprüngliches Marokko – der Atlas

Bergeslust, Teil I

An was denkt ihr, wenn ihr Marokko hört? Nicht an Berge nehme ich an, es sei denn, ihr kennt Marokko schon. Der Witz ist, dass ein großer Teil aus Bergen besteht. Dem Atlas und dem Rifgebirge, um genau zu sein. Nur die wenigsten fahren hin. Aber genau das sollte man tun, wenn ihr ein ganz ursprüngliches Land sehen wollt.

Wir haben Glück und haben dort Verwandte, aber leider nur ein verlängertes Wochenende Zeit. Aber das war egal. Hauptsache raus aus der Stadt und rein in die Berge. (Wenn ihr lieber Strand mögt, dann ist eher dieser Artikel für euch.) Es ging es in den Atlas, in die Region um Igherm bei Tarroudant. Das ist in der „Nähe“ von Agadir, wenn man es in einer bekannteren Region lokalisieren will J Allerdings ohne Strand, Hotel, Straßen, Autos, Läden, alles, an was man sich gewöhnt hat. Ich freute mich auf frische Luft und Ruhe. Manchmal kommen mir die Großstädte wie ein großer Hühnerstall vor, in dem alle von einer Ecke zur anderen rennen, ihrer Beschäftigung nachgehend. Ich freute mich wie ein solches Huhn auf Freilauf.

Die Fahrt

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Marokko mit Kindern entdecken – Al Jadida

Ich entdecke Marokko, jedes Mal ein anderes Fleckchen. (Atlas entdecken kannst du hier). Nicht nur verschiedene Menschen kennenlernen, sondern auch verschiedene Orte. Und da hat Marokko einiges zu bieten. Auch nur für ein paar Tage. Macht auch nichts und ist trotzdem ein Tapetenwechsel. Es geht nach Jadida, ein eher unbekannter Ort für Touristen. Weiterlesen

Visumsfragen

So, es ist soweit. Die Papiere sind zusammen und werden abgegeben. Und dann darf ich sie hoffentlich bald in den Händen halten, meine carte de séjour. So heißt das gute Stück, das für ausländische Mitbürger in Marokko ausgegeben wird und uns eine Aufenthaltserlaubnis bescheinigt. Und ich bin in guter Gesellschaft. Was für ein buntes Häufchen mit mir im Commissariat sitzt, wo sich das Büro der Einwanderungskontrolle befindet. Warum wird hier eigentlich nicht diskutiert, ob Marokko nun ein Einwanderungsland ist. Diese Art von Debatten kenne ich nur aus dem europäischen Raum.

Vielleicht wird Migration, das Leben mit Einwanderern und die Integration von eben diesen nicht diskutiert, weil das Nebeneinander von verschiedenen Sprachen und verschiedenen Traditionen schon immer Bestandteil der Gesellschaft war?! Niemand würde auf die Idee kommen, das Marokkanisch-Arabische als allgemeingültige Sprache durchzusetzen. Sehen wir einmal vom Französischen ab, das damals die Kolonialisten ins Land brachten, gibt es neben dem Arabischen eben auch ganz klar die verschiedenen Berbersprachen (mehr zu den Berbersprachen hier). Alles hat seine Daseinsberechtigung. Und obwohl manche Marokkaner tatsächlich Existenzängste kennen, habe ich noch nie in Marokko „Ausländer raus“ gehört. Ich denke, diese Art von Denke kennen sie einfach nicht. Wer kommen will, soll kommen. Ob er bleiben kann, entscheidet dann die Papierlage.

Die Anforderungen sind sehr unterschiedlich, je nach Visagrund. Die Familienzusammenführung, wie es so schön beamtisch heißt, gibt es auch in Marokko und scheint mir die unkomplizierteste von allen. ( Die anderen werde ich unter dem Menüpunkt Informationen demnächst mit gesammelten Anforderungen aufführen.) Und sie ist glücklicherweise nicht an Sprachkenntnisse gekoppelt wie in Deutschland. Das Risiko liegt hauptsächlich bei dem EhepartnerIn, eine Menge Papiere betreffen also ihn oder sie. Aber zurücklehnen sollte man sich nicht. Die wenigen Papiere, die die eigene Person betreffen, können es in sich haben. Für den Erstantrag braucht man ein Führungszeugnis. Gut, wenn man das schon vor der Einreise nach Marokko weiß, da die Post etwas Zeit in Anspruch nehmen kann. Bei Folgeanträgen wird dann das Führungszeugnis aus Marokko verlangt.

Bürokratie ist auch hier Bürokratie, aber trotz allem habe ich das Gefühl, alles ist locker. Ich hatte nie das Gefühl, komisch beäugt zu werden oder kontrolliert, wie der Abteilungsname (Einwanderungskontrolle) nahe legen würde. Mein Visum ist seit einer Woche abgelaufen. Seit einer Woche bin ich fast täglich da, um dies oder jenes zu klären. Aber wir hatten noch nicht alle Papiere zusammen. Und trotzdem… Kein Gezeter oder Machtkampf, kein Gezicke und keine Probleme. Daumen hoch für die Menschlichkeit hier bei unserer „Einwanderungskontrolle“.

Und was die Fortschrittlichkeit angeht, soll mir keiner mehr sagen, Marokko wäre ein Schwellenland. Wisst ihr wie ich mein Führungszeugnis in Marokko beantragt habe? Online. Das, was bisher in Deutschland nicht möglich ist, ist hier schon in Gange. Und die Bearbeitungsdauer hat mich umgehauen. Drei Tage. Ich war wirklich schwer begeistert und kann über Terminvergaben via Internet bei den Bürgerämtern oder eine vereinfachte Steuererklärung in Deutschland nur müde lächeln. Und im Vergleich zum Amtsgericht, wo das Vereinsregister oft angesiedelt ist, ist Marokko mehr als modern. Das Amtsgericht beantwortet und schreibt nicht einmal Emails, sondern erwartet Briefe oder Telefonate. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich habe das Gefühl, es wird hier einfach gemacht, was einfach geht. Und der Rest ist dann eben kompliziert. Okay, an manchen Tagen wünschte ich mir auch eine Online-Terminvergabe, wenn es wirklich wieder hoch hergeht am Schalter in einer Behörde. Aber letztendlich geht es auch ohne. Mit einfachem Nummernsystem zum Beispiel.

Ich bin zwar froh, dass ich die Rennerei hinter mir habe. Und ich freue mich auf den Moment, wo ich die Karte abholen darf. Es ist lächerlich, aber ich habe dann immer so ein feierliches Gefühl. Und ein Gefühl der Dankbarkeit. Und ich hänge dann dem Gedanken nach, dass eine Welt toll wäre, in der es keine Visas bräuchte. Eine Welt, in der alle Menschen einfach Erdenbürger wären, nicht aufgeteilt in arm und reich, getrennt in verschiedene Nationen, in wichtig und unwichtig. Ein schöner Traum.

 

 

 

Vom kreativen Autofahren und anderen Besonderheiten

Der Kampf um die Vorherrschaft im Straßenverkehr

Könnt ihr Euch erinnern an den ersten Tag in einer neuen Stadt? Das erste Mal fahrt ihr in die Stadt rein und schaut Euch um. Was dachtet ihr? Wisst ihr es noch?

Ich weiß es noch bis heute. Das erste Mal in Casa schoss mir durch den Kopf: Wie kann man nur hier leben? Stau, Gehupe, eine Straße gleicht der nächsten. Ein Haus reiht sich an das andere, überall dieselben hanuts des täglichen Bedarf, Boulangerie (Bäcker), Imbissbuden, Werkstätten, Straßenhändler. Kein Grün entspannt das Auge und keine Minute entspannt sich das Ohr. Ich fühlte mich orientierungsloser als irgendwo. Und ich kannte immerhin schon Dhaka.

Früher, als „Touristin“ war ich nur Beifahrerin im Auto unterwegs. Ich konnte mich im Sitz zurück lehnen. Die Lautstärke war anstrengend, aber ich konnte mich rausziehen aus dem Geschehen. Das war damals. Jetzt ist nichts mehr mit Rausziehen. Jetzt stecke ich mittendrin. Immer. Entweder als Autofahrerin, als Taxifahrgast, oder als Fußgängerin. Ich weiß nicht, was besser ist. Und … ich möchte es nicht mehr missen. Das Gewusel ist inzwischen mein Farbklecks im Alltag.

„Gemütlich“ zu Fuß

Zu Fuß unterwegs nimmt etwas Tempo. Aber weit kommen wir nicht und die Sinne stehen immer auf Alarm. Logisch. Egal ob schmal oder breit, stark befahren oder ruhig. Die Fußgänger latschen auf der Straße. Meistens zurückhaltend an der Seite, manche dominant mittig. Keine Angst zeigend, selbst wenn ein Fahrzeug mit 80 Sachen auf sie zukommt. Ich habe es früher nie verstanden. Da war ich auch keiner. Selten lief ich durch das Viertel. Warum auch? Als Urlauber fuhr ich an den Strand oder in die Berge oder in den meisten der Fälle Familie besuchen. Da ging ich selten durch die Straßen, auch wenn ich Lust dazu hatte. Damaaaaals hätte man mir gleich eine ganze Traube Bodyguards an die Seite gestellt. Und das Viertel entdecken mit 20 Leuten im Schlepptau, dazu hatte ich noch weniger Lust als auf Zuhause bleiben.

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Jetzt bin ich nur zu Fuß unterwegs. Und ich verstehe so einiges. Die Bürgersteige gleichen einem Grabenfeld. Löcher, Stolpersteine und jedes Wohnhaus trennt seinen Fußweg mit einer ganz eigenen Fußweghöhe vom Nachbarhaus. Hans guck in die Luft würde hier umkommen. Was machen also die meisten?

Auf der Straße laufen. Zwischen Gehweg und in erster, zweiter Reihe parkenden Autos passt niemand , also links an den parkenden Autos lang schlängeln. Da wachsen uns hinten noch irgendwann Augen, denn das ist manchmal ein lebensgefährliches Manöver, wenn die Autofahrer cm-breit an einem vorbei brettern.

Die Kinder sind besser immer an der Hand, und du hast einen immerwährenden Rundum-Such-Blick. Kommt ein Motorrad aus einer Seitengasse geschossen, was kommt von hinten, welche Fußgänger von vorn? Sind alle Kinder noch da? Fährt jemand bei Rot über die Straße und gibt nochmal richtig Gas?

Auf kleinen Seitenstraßen kann man sich etwas entspannen, aber nicht zu sehr in Sicherheit wiegen bitte. Wenn Autos kommen, dann richtig. Manche schmeißen sich auch mit 80 in die Kurve, komme was wolle von vorne. Und fußballspielende Kinder oder Hunde und Katzen sollten schnell sein, wenn es hinter der Ecke hupt.

Autofahren

Als Autofahrerin kann ich wenigstens nicht tot gefahren werden. Aber ich weiß nicht, ob ich das nicht vorziehe als jemanden zu Matsch zu fahren. Das ist nämlich die große Gefahr des Autofahrens!

Es gibt Straßen, da ist Autofahren entspannt. Zum Beispiel die Autobahn. Mit der komme ich allerdings selten dorthin, wo ich hin möchte. Ich möchte meistens weiter rein in die Stadt und nicht raus. Also muss ich mich ins Blechgewühl stürzen. Ebenfalls immer mit Rundum-Such-Blick. Man glaubt nicht, wie manche Leute Auto oder noch schlimmer Moped fahren. Moped fahren durch die wartenden Autos durch, überqueren Kreuzungen bei Rot, fahren in die falsche Richtung, sausen über den Bürgersteig. Diese Gruppe der Verkehrsteilnehmer sind unberechenbar und führen einen traurigen Rekord an: die meisten Todesopfer im Straßenverkehr.

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Abendverkehr in Marrakesch

Aber Autofahrer sind auch nicht ohne. Letzte Woche war es besonders abenteuerlich. Manche fuhren an einer Ampel an den wartenden Autos auf der Gegenfahrbahn links vorbei, um dann über die Kreuzung zu fahren. Bei Rot wohlgemerkt.

Klassiker sind ebenfalls Rechtsabbieger, die sich links einordnen oder umgekehrt. Leute, die dich beim rechts abbiegen rechts überholen. Autos, die sich langsam auf die Straße schieben, weil sie die Fahrbahn überqueren müssen und sich lieber die Kühlerhaube knutschen lassen als zu warten, bis einfach kein Auto mehr kommt und sie entspannt über die Straße fahren können. Autos, die rechts am Rand parken und aus dem Stand los düsen, ohne jemals in den Rückspiegel zu schauen. Blinken ist für einige ein Fremdwort. Entweder sie tun es, und biegen nicht ab oder lassen es, und du sitzt ihnen fast auf dem Heck drauf.

Kurz: Es ist schwer zu beschreiben, was hier los ist. Man muss es einfach erleben! Gehupe, Beschimpfe, Solidarität und unendliche Gelassenheit nebeneinander. In Casa erlebe ich echte Interaktion und eine Wahnsinns Improvisation im Straßenverkehr. Wer hätte gedacht, dass man kreativ Autofahren kann? Aber anders ist das hier nicht zu beschreiben. Lasst das Sightseeing sein und kurvt mit dem Taxi quer durch Casa! Da hat man Spaß wie schon lange nicht mehr.

Das meine ich ernst. Letztendlich vollführen die oben genannten Manöver nicht alle. Es gibt auch die Vorsichtigen, die Standardfahrer, die Höflichen, kurz….von jeder Sorte etwas dabei. Wenn man die Augen offen hält, vorne, an der Seite und hinten, und sich vor Mopeds und vor Taxis hütet, sollte nichts mehr schief gehen. Und hupen, hupen, hupen, was das Zeug hält. Die Hupe hat mich schon das ein oder andere Mal vor einem Unfall bewahrt. Mir macht das Autofahren jetzt endlich richtig Spaß.

Taxifahren

Wenn zu Fuß oder Autofahren mich dem Wahnsinn so nahe bringt, dann wird Taxifahren sicher der Himmel auf Erden sein, meint ihr? Ja, fast. Man muss nur den Kampf um das Taxi gewinnen, und der ist aufreibend. In den Abendstunden um das Abendgebet herum geradezu aussichtslos, wenn ich nicht alleine bin. Und das war ich bisher nie.

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weißes Taxi in Casablanca – Sammeltaxi

Die Taxis sind voll, die Stimmung gereizt und alle wollen nach Hause. Eine gute Strategie ist dabei, sich wenn möglich noch vor den ersten Stationen, wo irgendwie alle warten, zu positionieren. Das geht allerdings nicht überall. Meine häufigste Strategie ist, mich eine Stunde früher als alle anderen auf den Weg zu machen. Damaaaals, in Dublin, als ich mitten in der Nacht mit einer Freundin die letzte U-Bahn nach Hause verpasste, liefen wir einfach. Ich glaube drei Stunden. Es war einfach kein Ding. Wir hatten Zeit, wir hatten Beine, es war nichts zu befürchten auch bei menschenleeren Straßen. Das kann ich wegen Kind und Kegel nicht mehr bringen. Leider. Sonst sind es auch in Casa keine Wege, die man nicht auch zu Fuß schaffen würde in drei oder vier Stunden.

Auch wenn ich mit dem Verkehr da draußen, nicht mehr viel zu tun habe, sobald ich die Tür zuziehe, kann ich trotzdem nicht abschalten. Ich kontrolliere immer, wie er fährt. Manche fahren Umwege, damit es sich auch lohnt. Letztens hat mich einer schön rein gelegt. Ich bin zwischendurch kurz ausgestiegen, und bin dann mit dem Taxi weitergefahren. In der Zeit hat der Fahrer das Tacho hoch gestellt. Das ist mir erst aufgefallen, als wir eine Weile unterwegs waren. Ich kenne den Weg und den Preis und der auf dem Tacho war plötzlich doppelt so hoch. Da mir das jedoch nicht gleich bei der Abfahrt auffiel, konnte ich nichts machen. Ich hätte ihm nichts beweisen können. Also habe ich es gelassen.

Ich sage mir: Was soll´s? Einer von fünfen, der dich „abzocken“ will. Die Masche mit dem Tacho höher stellen war eine Premiere und große Ausnahme. Und es wird ausgeglichen durch diejenigen, die den Preis reduzieren oder ganz erlassen, weil der Fahrer es so toll findet, dass du dich mit dem Arabischsprechen versuchst. Und wenn mir der ein oder andere zu wenig Wechselgeld gibt, dann weil sie unter Druck stehen und ihr Pensum schaffen müssen. Das Taxi ist gemietet, und das gesamte Risiko für das Auto liegen bei ihnen. Der Besitzer gewinnt immer. Sie stehen damit ganz unten in der Nahrungskette. Wegen 1 DH sage ich daher nichts. Das kann ich verkraften. Die meisten sind freundlich, immer für einen Schnack zu haben und machen einfach ihre Arbeit. Finde ich also als Fortbewegungsmittel ebenfalls empfehlenswert.

 

Und? Lust bekommen, Casas Straßen zu entdecken? Dann werft euch hinein in das Gewusel! Als Taxigast, Autofahrer oder Fußgänger. Egal. Glaubt mir, ihr werdet es nicht so schnell wieder vergessen!

 

 

Das Schuldrama hat ein Ende

Befreit

Ich bin glücklich und fühle  mich frei wie schon lange nicht mehr. Ich möchte singen, hüpfen, die Welt umarmen. Ich würde es tun, wenn mich nicht gerade der Husten schüttelt. Und der Grund ist nicht ein neuer Job, eine kleine Datsche in der Pampa oder hunderte Likes für einen Artikel. Der Grund ist eine Schule. Dass Schule so etwas kann hätte ich nie für möglich gehalten. So einfach kann die Welt sein.

Was wir taten

Wir haben uns lange gequält und doch nicht zueinander gefunden, unsere Ex-Schule und ich. Ich habe wirklich guten Willen gehabt, meine Tochter jeden Morgen aufs Neue motiviert, die Lehrer soweit als möglich in Schutz genommen, ihr Verhalten erklärt. Wir haben Wege gesucht, das, was fehlt, aufzufangen oder das, was zu viel getan wurde, aus zu bügeln. Ihr Halt und Sicherheit zu geben. Ihr das Gefühl zu geben, dass sie mit allem zu uns kommen kann.

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Und trotzdem hat sie mich überrascht. Weiterlesen

Was ich über das Reisen mit dem Auto gelernt habe

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber gut reisen kann man lernen. Ich zumindest. Wir gewöhnen uns daran und perfektionieren uns.

Aufregung gehört einfach dazu

Die schlechte Seite der Gewohnheits-Medaille: Irgendwo ging dieses Kribbeln vor der Reise verloren. Leider. Eine Reise ist das Kribbeln wert. Egal wohin sie uns verschlägt. Niemand weiß, wohin uns eine Reise führt. Jedes Mal, wie vertraut auch die Route war, habe ich etwas über mich oder die anderen gelernt. Und unsere Reisen sind schon wegen der Entfernung ein Überraschungsei. Aber irgendwann ging uns das Hibbeln verloren und ich fahre so aufgeregt mit dem Auto nach Marokko wie von Hamburg nach Berlin.

 

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Jetzt liegen nicht Welten, aber doch Erfahrungen zwischen meiner ersten Autoreise nach Marokko und heute. (Einblick in unsere letzte Autoreise und ihre ganz besondere Überraschung erhält man hier: Nicht ohne mein Auto) Dass meine Organisation tatsächlich besser werden könnte, bezweifelte ich lange. Zu Studienzeiten fehlten mir immer Papiere, Portemonnaie, Schlüssel, oder Taschen und spät dran war ich trotzdem. Ein paar Jahre später komme ich genauso viel zu spät. Ich muss aber organisatorisch was gerissen haben. Inzwischen komme ich meistens zu dritt. Ich vergesse noch Dinge für mich, aber zumindest für die anderen beiden nicht.

Das ganze Chaos wurde nur schlimmer, wenn es auf Reisen ging. Dann reichte es nicht, einen Nachmittag und seine Überraschungen zu durchdenken. Dann musste ich mir vorstellen, was in den nächsten vier Tagen für Erlebnisse auf uns warten könnten. Dass wir die Reise häufiger machten und die letzten vier oder fünf Male mit dem Auto und der Fähre unterwegs waren, machte den Lerneffekt einfacher.

Was habe ich schon gelernt?

Ich kann mich inzwischen begrenzen. Ich weiß, dass ich nur einmal Wechselklamotten auf der Fahrt brauche. Anders als die Kinder versteht sich. Aber auch für die brauche ich nicht meinen ganzen Hausstand. Und die Kleidung für unterwegs kommt in einen extra Koffer. Hört sich logisch an, war aber auf unserer ersten Reise nicht bedacht und ein ständiger Auspack-Umpack-Horror.

Medikamente für den kleinen Notfall sind superwichtig. Ich fragte mich natürlich, worum gerade in diesen drei Tagen eine Grippe ausbrechen sollte, wo doch alle quicklebendig sind. Ich habe gelernt, mich nicht mehr täuschen zu lassen. Fiebersaft, Nasentropfen, Hustenbonbons und Tabletten gegen Reiseübelkeit sind immer griffbereit. Genauso wie die Tüte, wenn die Tabletten nicht helfen.

Proviant darf nicht kleben, schmieren, oder waschresistent sein. Oder ich ziehe meine hässlichsten Sachen an. Dann muss aber das Auto trotzdem daran glauben. Für gut befunden wurden von uns: Geschmierte Käsebrote, Studentenfutter, hart gekochte Eier, Gurken und Tomaten, Äpfel, selbstgemachte Teigtaschen, Kekse ohne Schokoüberzug, Muffins.

Ich habe auch nicht mehr fünf Bücher dabei, sondern eines. Es ist schade, dass mein Lesetempo so schleicht, aber was solls. Auch bei meinen Eltern fasse ich zwischen all den Familienbesuchen und anderen Terminen kein Buch an. Inzwischen habe ich es einfach akzeptiert. Noch besser natürlich ein Ebook-Reader. Ich hatte einen für zwei Tage. Dann verabschiedete er sich.

Unterhaltung ist das A und O. Ohne Unterhaltung wird es unmöglich, zwei Kinder in ihren Kindersitzen zu halten.

Entertainment ist das A und O

Bewährt haben sich bei uns:

  1. Puzzle
  2. Kinderlieder zum Abspielen und Mitträllern
  3. Einfache Spiele ohne Schnickschnack wie Ching Chang Chong oder Ich sehe was, was du nicht siehst
  4. DVDs und den Laptop oder ein Tablet
  5. Schoki ohne Ende. Das ist der Notnagel, wenn die Stimmung kippt und alle am liebsten aus dem Auto stürzen möchten. Und die Ausnahme für die Proviantregel von oben. Wenn ich meine Beine nicht mehr spüre und die Kinder anfangen, mit den Köpfen gegen die Sitze zu schlagen. Wirf in diesen Momenten eine Tafel Schokolade, Lollies oder andere Süßigkeiten in den Raum und alle sind plötzlich wie Zucker zueinander.

 

 

Auto oder Flugzeug?

Ich kann mich nicht entscheiden. Auto finde ich schrecklich, wenn wir durchfahren wie bisher. Und Kinder dabei sind. Die Fähre wiegt den Stress vorher oder hinterher fast wieder auf. Aber nur fast.

Flugzeug ist bequem (es sei denn man muss wegen einer verspäteten Maschine durch den Pariser Flughafen in 30 min. hotten, mit zwei Handgepäckstücken, einem Baby in der Trage vor dem Bauch baumelnd und eine 3jährige, die ein drittes Handgepäckstück zieht und neben mir rennt.).

Flugzeug ist schnell. Fliegt man allerdings mit Royal Air Maroc, kann es mal sein, dass man gar nicht fliegt oder umgeleitet wird. Aus einem Direktflug wird ein Flug mit Umsteigen und längerer Reisedauer. Dann doch nicht mehr so schnell.

Der Riesenminuspunkt des Fliegens ist der Flughafen Casablanca. Es fliegen scheinbar immer alle Flieger zur selben Zeit los und alle Reisenden müssen daher zur selben Zeit durch die Passkontrolle. Klar, dass nur drei Schalter geöffnet haben. Es ist natürlich nicht der Job der Polizei die Reisenden glücklich zu machen, indem alle Schalter besetzt sind und wir uns keine zwei Stunden in der Masse die Beine krumm stehen. Nervig ist es trotzdem.

Allerdings: Um die Unterhaltung brauchen wir uns am Flughafen keine Gedanken machen. Irgendwer wird schon ausflippen und sich an die Gurgel gehen.

 

Ich bin gespannt, ob ihr noch Empfehlungen für Autospiele/Spiele unterwegs habt oder ein paar spannende Geschichten. Es passiert so viel, wenn man unterwegs ist. Ich fände es toll, Eure spannendsten Erlebnisse zu hören.

 

Tell me why I don´t like Mondays

Kennt ihr diese Tage, an denen ihr morgens schon gleich wieder Schlafen gehen wollt? Der Tag hat noch nicht angefangen und ist quasi schon zu Ende. Gerade eine Stunde jung, bekommt er von mir nicht den Hauch einer Chance. Wie das kommt und wie ich das verhindern könnte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass solche Tage meistens Montage sind. Der Song von The Boomtown Rats ist mir auf den Leib geschrieben. Und diese besonderen Montagen sind plötzlich da, wenn auch selten.

Dieses Montagsdesaster nimmt seinen Lauf, obwohl ich ein CarpeDiem-Typ, ein Jeder-verdient-eine-zehnte-Chance und Optimistin bin. Meine Schmerzgrenzen für Katastrophen liegt sehr hoch und ich gelte als DIE Ruhe in Person. Fremdeinschätzung und Selbstwahrnehmung können voneinander abweichen.

Gefährlich sind Montage immer, aber das Eintreffen eines Katastrophentages äußerst selten.  Wir müssen erstens wieder früh aufstehen und zweitens das Madel in die Schule. Ich bin ein Nachtmensch und ich liege mit der Schule im Clinch. Das wissen sie nur nicht. Aber meine Tochter weiß es. Und das macht es nicht einfacher. Ich muss montags nicht nur mich überzeugen, überreden und motivieren. Nein, auch meine Tochter, die weiß, dass ich das alles äußerst ungern mache. (siehe Schule? – Nein, danke.) Grmpf! Kann mir jemand erklären, wie Gedanken wenigstens vor meinen Kindern  unentdeckt bleiben? Nun stellt Euch einfach einen angestrengten, überaus unwitzigen Animateur vor und ihr seht mich. Dann seht ihr meine Tochter, die das Ganze natürlich durchschaut und ihre Vermeidungsstrategien auffährt.

Wie komme ich da nur wieder heraus?

Heute hatte ich Glück. Tochter krank, und unser Tag beginnt ohne Schule. Wie kann ich diesen Tag denn trotzdem miserabel finden? Setzt euch einen Tag lang auf die Couch mit einem 20 kg Sack auf den Schoss und versucht etwas Sinnvolles zu machen. Schleppt den 20 kg Sack auf jedem Weg zur Küche, auf Toilette oder in andere Zimmer hinter euch her. Schaltet außerdem einen Rekorder an, der in 10 sec. Abständen Mama ruft und ihr wisst, warum ich heute einfach keine Mama sein wollte.

Da ich mich in der Müllhalde von Rotztüchern, angefangenen Broten, Mandarinenschalen und abertausenden Kekskrümeln auf dem Teppich nicht mehr wohl fühle, ist es mir sehr recht, dass wir zum Arzt gehen. Wir haben Glück. Die Praxis ist geöffnet.* Im Wartezimmer finden wir sogar Platz.

Wir warten und warten und warten. Irgendwann um 11.30 Uhr kommt sogar auch betreffender Arzt vorbei, um die erste Patientin zu behandeln. Das ist doch ein Lichtblick. Bisher sind wir fünf Frauen mit Kleinkindern und alle noch relativ still. Bisschen ungewohnt. Ich döse vor mich hin, meine Tochter – wo wohl? – natürlich auf dem Schoss. Einen ersten Satz habe ich zu meiner Sitznachbarin gesagt, leider wenig Reaktion. War ein Versuch. Hmm, vielleicht habe ich undeutlich gesprochen.

Die Tür fliegt auf und eine lebhafte Frau kommt herein. Sie haucht den Dahindösenden plötzlich Leben ein. Die Frauen reden plötzlich mit ihr und miteinander. Die Kinder fangen an, miteinander zu spielen. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wie geht das? Und da heute Montag ist, freue ich mich nicht einfach über ein bisschen Small talk. Nein. Bei mir fährt jetzt das ganze Programm auf.

Die Selbstzerfleischung beginnt

Wie macht sie das? Könnte ich doch auch so mühelos ins Gespräch kommen! Vielleicht bin ich selbst schuld, dass ich immer noch kaum Freunde hier habe. Was kann ich nur anders machen? Das Gedankenkarussel dreht sich und die Wahrnehmung heftet sich ab jetzt nur an Negatives.

Und vermiest mir auch den Nachmittag. Da für mich sowieso alles verloren scheint, gucken wir jetzt alle zusammen richtig lange Fernsehen, futtern Chips und trinken Limo. Heute gehen mir meine pädagogischen Ansprüche schwer auf die Nerven und wir verloddern. Hinterher melden sich die Ansprüche wieder und lassen kein gutes Haar an mir. Die Kinder fanden den Nachmittag super.

Heute Abend wollte ich dann ein bisschen Mitleid von meinem Mann. Er findet das natürlich unnormal, dass ich mir an so einem Tag die Kinder weg wünsche. Solche Gedanken sind auch gemein, wenn die Arme krank im Bett liegt und gerade sehr zuneigungsbedürftig ist. Leichtes Urteil vom Mann, wenn er die Kinder nur eine halbe Stunde sieht. Aber Verständnis für mich hätte auch nicht gepasst heute.

Und warum kommt der Artikel nun jetzt erst? Natürlich lief auch abends nichts und die Kinder wollten einfach nicht alleine schlafen. Wenn schon, denn schon. So lag ich also auch um 21 Uhr im Bett, stundenlang singend, Märchen erzählend,Text nicht fertig geschrieben, Zähne nicht geputzt, … und ein superpassender Montagtext erscheint am Mittwoch. Schön!

 

!!!Bitte, bitte, bitte sag mir jemand da draußen, dass nicht nur ich solche Tage habe. Und bitte, was macht ihr dagegen?

 

 

Anmerkung:

*Viele Arztpraxen haben feste Öffnungzeiten, aber es lohnt sich immer nach zu fragen, ob der Arzt da ist. Viele Ärzte arbeiten außerdem im Krankenhaus, und kommen erst später in die Praxis.