Versuch einer Integration

Wenn in Deutschland über Integration gesprochen wird, dann geht es, ohne dass ich das empirisch gemessen hätte, mindestens in den Hälften der Fälle um Sprache. Und grundsätzlich ist es sicherlich richtig. Um zu wissen, was Land und Leute bewegt, um seinen Aktionsradius zu erweitern und um zu arbeiten, braucht man meist die Sprache. Ich sage meist, da es heutzutage in großen Firmen in Deutschland nicht unbedingt Deutsch ist, was gesprochen wird.

Ich entschloss mich also auch, in Marokko eine Sprache zu lernen, um meine Integration voranzutreiben. Nun ist das eine schwierige Sache. Mir fallen hier mindestens drei Sprachen ein, die ich lernen könnte. Französisch, das marokkanisch Arabische (dariga genannt= heisst Dialekt) oder Berberisch. Beim Berberischen allerdings müsste ich mich entscheiden, aus welcher Region denn bitte.

Jetzt müsste man sich Gedanken machen, was ich mit der Sprache erreichen will, mit wem ich sprechen will, um zu entscheiden, welche meiner Integration förderlich ist. Das Französische wird in einigen Familien ausschließlich gesprochen, da es immernoch die Sprache für den „modern“ (in Gänsefüsschen gesetzt, um darauf aufmerksam zu machen, dass Modernität sehr subjektiv ist, für jeden Menschen etwas anderes bedeutet und oft viele unausgesprochenen Annahmen voraussetzt) ausgerichteten Marokkaner scheint und beruflichen Erfolg verheisst. Berberisch wird auf dem Land häufig gesprochen und gilt bei den Franzosen-Marokkanern wahrscheinlich als verpönt. Und dariga ist wohl ein Kompromiss des Ganzen. Nicht sehr modern, aber auch nicht zu altmodisch. Spricht ja jeder und überall. Meine Wahl fiel also auf das Marokkanische (dariga), auch aus pragmatischen Gründen. Das ist die Sprache die aus den Leuten in meiner Umgebung gesprochen wird und ich habe Vorkenntnisse. (Nichtsdestotrotz liebe ich es Berberisch zu hören.)

Bisher habe ich weder eine Sprachschule besucht, noch systematisch gelernt. Ich habe hauptsächlich durch Familienmitglieder gelernt, wobei mir mein vierjähriger Hocharabischsprachkurs im Studium sehr zugute kam. Ich konnte mir Vokabeln besser merken, hatte eine Ahnung von der Grammatik. Die Regeln der Grammatik konnte ich für das dariga im Vergleich zum Hocharabisch eher verschlanken.

Meine liebste Sprachsparringpartnerin ist eine Cousine meines Mannes. Habiba. Diese ist leider vor einiger Zeit nach Hause gefahren. Mit ihr konnte ich meinen Vokabelschatz um einiges erweitern, da unsere Gespräche den üblichen Alltagskram überschritten haben. Wir sprachen über Dinge, die die Einkaufsliste oder praktische Erledigungen hinausgingen. Ich klebte an ihren Lippen. Auch wenn ich die einzelnen Worte nicht verstand, ich verstand sie. Wir redeten über Politik, Religion, Gefühle, alles. Nebenbei bemerkt, ist Politik unter den Frauen in meinem marokkanischem Umkreis nicht gerade ein beliebtes Thema. Schade eigentlich. Wie es kommt, dass wir uns so gut verstanden, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass mein Wortschatz stagniert seitdem sie weg ist. Und ich nach einem Ausweg aus meinem Sprachstillstand suche.

Und so kommt es, dass ich mich über Dinge, die mich wirklich interessieren, immernoch nicht genügend sprechen kann. Ich bin mit Habiba  (in Bezug auf komplexe Themen) nie an diese Schwelle gekommen, die mich von einem konsumierenden hörenden Wesen zu einem aktivem Sprechenden macht. Ich  muss mich darum kümmern, überhaupt in Übung zu bleiben. Zuhause sprechen wir deutsch. (Gott sei Dank kam hier noch keiner auf die Idee zu verlangen, dass wir nur Arabisch sprechen dürfen zuhause.) Ich greife zu verzweifelten Methoden:

Ich labere unverfroren Frauen im Park an, wenn es sich gerade ergibt. Oft spielen die Kinder über kurz oder lang zusammen. Was die Frauen über mich denken, ist mir egal. 😉 Hauptsache sie reden!!! Grundsätzlich ist es aber auch nicht super ungewöhnlich. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass sich eine Frau einfach zu meiner Schwiegermutter setzt und mit ihr schnackt, während ich den Kindern auf dem Spielplatz hinterher rannte.

Oder eine andere Masche ist mir von jeder wohlgesonnenen Mutter die Telefonnummer zu besorgen und sie bei der erstbesten Gelegenheit zum Tee einzuladen. Ich hole mir meinetwegen mit den Müttern einen halben Kindergarten ins Haus, wenn ich nur die Möglichkeit habe, Arabisch zu hören. Ob meine Opfer Früchte tragen, kann ich noch nicht beurteilen. Und eine gute Gastgeberin zu sein, ist auch nicht so einfach. Lest dazu hier.

Vorgestern stand ich an einem Holzkarren, auf dem Gemüse zum Verkauf angeboten wird (in dem Fall Tomaten), und die anderen Käuferinnen haben ein paar Sätze gewechselt. Mit mir sprachen sie auch, ich habe aber nur dümmlich gegrinst. 😉 weil ich nichts verstanden habe. Soviel zu den Fortschritten. Solche Situationen tun mir leid, weil ich wahrscheinlich eher hochnäsig als einfach nur der Sprache unmächtig scheine. Auf jeden Fall zeigte auch diese Situation wie schnell die Menschen ins Gespräch kommen. Das ist sehr angenehm.

Natürlich hat es auch seine Kehrseite, dass die Zunge so locker sitzt. Da alle wissen dass viel gestratscht wird, machen sich alle immer Gedanken darum, was die anderen wohl denken. Da mir solches „rumgedenke“ nur Kopfschmerzen bereitet, ist mir das Denken der anderen egal.

Ein Phänomen in Bezug auf das Sprechen ist auch, dass sie immer, immer, immer wirklich immer ans Telefon gehen. Egal, ob sie sich beim Sprint zum Telefon ein Bein brechen oder ob das Essen auf dem Herd gerade brennt, ein Kind gerade das Essen im Wohnzimmer verschmiert und das andere gerade den Finger in der Steckdose hat. Zeit für ein Schwätzchen muss sein. Ich bin dafür auch immer zu haben, aber es gibt schon Momente, da sehe ich darin nicht unbedingt Priorität. 😉

Aber mal sehen… vielleicht verschiebt sich diese Wahrnehmung mit meinem Grad der Integration. Ich halte euch auf dem Laufenden, im zweiten Teil.

 

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3 Gedanken zu “Versuch einer Integration

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