Lebenszeichen aus der Virenhölle – Eine Testreihe zum Gesundheitssystem in Marokko

Ja wir leben noch. Langsam aber sicher sammeln wir uns, beseitigen das Chaos in der Wohnung, füllen den Kühlschrank wieder auf und sind wieder zurück in der Zivilisation. Vor 10 Tagen brach bei uns in der Familie ein grippaler Infekt aus, der erst meine Tochter, dann mich und dann meinen Sohn lahm legte. Ist ja auch kalt hier im Winter. Ich hatte in der Zeit Lust auf Fernsehgucken bis zum Abwinken, Schlafen bis zum Abwinken, Tee trinken bis zum Abwinken der mir von einer fürsorglichen Person ans Bett gestellt wird, Bücherlesen (das war dann schon der Heilungsprozess). Aber so viel zu meinen Träumen. Denn da waren ja noch die zwei kleinen kranken Kinder. Die fürsorgliche Person hatte also gefälligst ich zu sein. Dumm gelaufen.

Interessant ist, dass wir diese Krankheitswelle mit nur einem Arztbesuch überstanden. (In Deutschland wären wir pro Person mindestens einmal beim Arzt aufgetaucht, wenn nicht sogar öfter.) Mit meiner Tochter bin ich noch zum Arzt gegangen. Fazit dabei: Alles in Allem schien der Arzt kompetent, nahm sich Zeit, die Praxis hatte sogar eine Rutsche im Wartebereich für die kleinen Patienten und einen Flachbildschirm für die großen. Was ich dem Mediziner sehr hoch anrechne: Er hat kein Antibiotikum verschrieben, wie es andere Ärzte hier gerne tun. Und das ohne dass ich meine Abneigung vorher gegen übermäßigen Antibiotikakonsum zum Ausdruck gebracht hätte. Stattdessen gab es neben Fiebermittel ein homöopathisches (!!!) Medikament. Ich war begeistert. Seinen Umgang mit Kindern könnte er wohl noch ausbauen. Aber er hatte als Mann auch keinen guten Ausgangspunkt bei meiner Tochter. Weiterer Nachteil: Dieser Arzt hat wie viele andere nicht durchgängig geöffnet. Er arbeitet bisschen vormittags und ist dann abends ab 17h wieder da. Zwischendurch verdient er seine Brötchen im Krankenhaus. Will man in Casa zum Arzt, lohnt es sich also durchaus zu fragen, wann der Arzt in seiner Praxis erscheint. Eine offene Praxis zieht hier in Marokko nicht zwingenderweise die Gegenwart eines Arztes nach sich.  Man ist herzlich willkommen sich in das Wartezimmer zu setzen und zu warten. Aber die drei Stunden sind anders eventuell besser investiert.

Wir anderen zwei Kranken haben uns einen Arzt gespart. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn ein Arztbesuch kostet hier Geld und zwar mindestens 200 Dirham (=20 €). Ein Zahnarztbesuch oder andere Spezialisten können auch mehr kosten, je nach Qualifikation und Ausstattung der Praxis. Röntgen, Blutabnehmen oder anderer Service alles exklusive.

Inzwischen gibt es in Marokko auch eine Krankenversicherung, die wie in Deutschland die private funktioniert. Wie viele Marokkaner diese in Anspruch nehmen, kann ich nicht sagen. Im meinem familiären Umfeld niemand. Ich glaube, dass eine Krankenversicherung eher von den Jüngeren genutzt wird. Für die Älteren ist diese Institution sehr ungewohnt. Wenn man krank ist, dann wird mit Hausmittelchen hantiert. Wenn das nichts hilft, dann holen sich die meisten Medikamente gleich direkt von der Apotheke. Es muss schon sehr heftig sein, bis jemand zum Arzt geht.

Und so haben viele Menschen der älteren Generation keine Krankenversicherung. Wenn dann doch eine Operation oder ein Krankenhausaufenthalt ansteht, dann kann das in vielen Fällen die Existenz aufs Spiel setzen. Mal davon abgesehen, dass es hier noch viele, viele, viele Menschen gibt, die gar nicht darüber nachdenken brauchen, ob sie zum Arzt gehen wollen. Sie haben die 20€, die es mindestens kostet, einfach gar nicht. Hier kann Armut noch das Leben kosten.

Auch wir durften wieder die obligatorischen Ratschläge und Auflistungen von Hausmitteln hören. Einige habe ich auch angewendet und manche funktionieren tatsächlich. Der Renner ist das Olivenöl. Mit oder ohne Knoblauch wird das gerieben, geschluckt oder in alle erdenklichen Körperöffnungen geträufelt. Gefolgt  wird das auf dem Fuss von Zwiebeln und Rettich (Zwiebelsaft ist auch in Deutschland ein Renner), Ingwer, Satar (Thymian) und mchinza. Letzteres als Tee besonders gegen Fieber empfohlen, aber auch gegen Husten soll es wirken. Die Liste kann noch fortgesetzt werden, diese sind aber die gängigsten bei Erkältungskrankheiten. Bei mir haben sie jedenfalls geholfen, oder zumindest mein Immunsystem auf Trab gebracht. Ich bin so ohne Medikamente durch meine Virenhölle gekommen, von einer Paracetamol am ersten Abend abgesehen. Die Kinder haben all das verweigert und haben lieber Pillen geschluckt. Ich finde das schade, aber ich muss sagen, dass mir das in meinem klapprigen Zustand keine Auseinandersetzung wert war. Immer rein damit, egal was.

Also haben wir auch die erste Krankheit in Marokko überstanden. Und wir leben noch 😉 Da wir langsam das medizinische Gebiet austesten, freue ich mich, Euch für morgen eine Fortsetzung der Testreihe ankündigen zu können. Da steht ein Besuch beim Orthopäden an mit einer Entfernung eines Drahtes aus dem kleinen Zeh. Allerdings nicht invasiv. Gott sei Dank. Ich hoffe auch, Testreihe hin oder her, dass wir nie einen Testbericht zu einer invasiven Untersuchung oder OP schreiben müssen. Fortsetzung folgt also hier!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s