Mein Zeh und ich

Fortsetzung der Testreihe zum Gesundheitssystem

Wie immer, wenn alles glatt verlaufen ist (oder keine Konflikte, keine Probleme auftreten ect), hört man gar nichts. So ist es in diesem Falle auch bei mir. Ich entschuldige mich hiermit dafür bei Euch. Obwohl ich dies nun ändern will, wird es trotzdem ein kurzer Eintrag. Gute Nachrichten geben nun einmal nichts her J

Ich hatte mir vor circa zwei Monaten in Deutschland meinen kleinen Zeh ausgekugelt (ja, so etwas geht. Hätte ich auch nicht gedacht). Um das wieder zu reparieren (oder weil Chirurgen die Fingernicht still halten können?!) wurde mir ein kleiner Nagel eingesetzt, der dem eingerenkten Zeh mehr Stabilität verleihen sollte. Das musste nun entfernt werden. Gott sei Dank ist dazu keine OP nötig. Ein kleines Stück guckte aus dem Zeh heraus, an dem nur gezogen werden musste. Ich gestehe, als ich noch nicht wusste, wie schnell das gehen würde, hatte ich schon die Hosen voll. Der Arzt hat sich nicht wenig über mich amüsiert.

Ich muss des Weiteren gestehen, dass ich in eine Privatklinik gefahren bin. Ich kann also nichts zu den staatlichen Kliniken sagen. Was ich gehört habe: Hätte ich es in einer staatlichen machen lassen, dann würde ich da heute noch sitzen und warten. Dort passiert alles sehr, sehr langsam. Alle die etwas Geld haben, investieren dies in eine Behandlung in einer privaten Klinik.

Davon gibt es auch haufenweise, es scheint sich also zu lohnen. Meistens sind das gar nicht allzu große Gebäude. Aber sie beherbergen die wichtigsten Bereiche wie Orthopädie, Zahnmedizin, Labor, Röntgen …. Jeder der wie ich schon einmal bei einem Arzt war und von diesem/dieser zum Röntgen in eine unabhängige Röntgenpraxis geschickt wurde, wird Wert darauf legen, dass eine Arztpraxis ein eigenes Röntgengerät hat. Ich habe damals eeeewig beim Röntgen gewartet. Aufrufen nach Reihenfolge Fehlanzeige. Mein Mann hat damals quasi neben der Anmeldung gestanden und drei Stunden immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass wir auch noch da sind. Das muss man nicht haben, es sei denn, man will eine ethnologische Feldforschung über menschliches Verhalten in Stresssituationen machen.

Die Kliniken haben meistens also ein eigenes Röntgengerät, was die Behandlungs- und Wartezeit erheblich verkürzt. Ob in den kleinen Privatkliniken auch wirklich komplizierte Brüche oder schwere Unfälle behandelt werden, gilt es noch zu recherchieren. Das ist sicherlich auch sehr unterschiedlich. Auf den Schildern vor dem Krankenhaus steht zumindest immer auch Notfallambulanz und dass rund um die Uhr geöffnet sei. Nachdem ich in einem kleinen Krankenhaus war, bezweifle ich allerdings, dass ein Schwerstverletzter dort akkurat behandelt wird.

Die von mir erwählte Klinik sah jedenfalls dazu zu schick und aufgeräumt aus. Schwarze Kacheln auf dem Boden und an der Wand, alles sauber geschrubbt und irgendwie nicht sehr medizinisch. Im Untergeschoss befand sich die Orthopädie. Dort war es relativ voll, aber ich kam zügig an die Reihe. Ich hatte einen Termin beim Chefarzt und Besitzer des Krankenhauses. Es wurde geröntgt (ohne Strahlenschutz) und als er sich meinen Zeh dann in live anschaute und an ihm rumdrehte und rupfte, und ganz zielsicher an das sichtbare Ende des Nagels fasste, da kamen mir eben Gedanken wie: Er wird mir das Ding doch wohl nicht ohne Desinfektion, ohne Handschuhe, mit seinen bloßen Händen rausziehen? Hier mitten im Röntgenraum? Ohne Verbandszeug? Was wenn sich die Wunde dann entzündet?

Aber ich starrte nur auf meinen Fuss und wiederholte immer wieder: Was ich noch sagen wollte, was ich noch sagen wollte…. Dass ich eigentlich nur wissen wollte, wie es jetzt weiterging, und dass er mir das doch wohl nicht mit seinen Händen rausziehen werde, das kam mir nicht über die Lippen. Wie so oft bei Ärzten kam mir nichts von dem über die Lippen, was mir durch den Kopf geht. Bei Ärzten ist es oft genug vorbei mit Selbstvertrauen und Wortgewandtheit. Da fühle ich mich meist ganz klein. Aber meine Zweifel sah man mir scheinbar an. Denn er lachte sich kaputt und versicherte mir, dass alles wie in Deutschland ablaufen würde. Ich bräuchte mich nicht sorgen.

Und das war das Peinlichste. Denn er hatte Recht. Ich weiß, dass es kompetente Ärzte in Marokko gibt. Ich weiß, dass man gut behandelt wird, wenn man Geld dafür bezahlt. Und trotzdem scheine ich immer noch Zweifel und Misstrauen zu haben. In Deutschland hätte ich niemals gedacht, dass mir ein Arzt mit seinen Händen einen Draht oder Nagel entfernt!!! Also bitte. Warum tue ich das denn hier? Aus dem gleichen Grund aus dem ich letztes Jahr eine Zahnärztin fragte, ob sie mich beim Ziehen eines Weisheitszahns betäuben wird? Die Dame hat nicht schlecht geguckt. Und dann, gerechterweise, eine ironische Antwort gegeben. Woher also kommt das?

Mein Unterbewusstsein lässt sich nicht lenken. Und genau dieses Unterbewusstsein nahm jahrzehntelang die Bilder und Zuschreibungen, die in Deutschland von Afrika (und damit auch Marokko)  kursieren, auf. Es nahm diese deutsche Selbstsicherheit im Vergleich zu Schwellen- oder Entwicklungsländern auf, diese Sicherheit anderen voraus zu sein. In allen Bereichen ganz vorne zu stehen auf dem Entwicklungsbarometer. Diese Selbstsicherheit wird wahrscheinlich  nur von PISA ab und zu gestört. Ich kann nicht abstreiten, dass in Deutschland einfach viel im medizinischen Bereich um einiges moderner, sauberer und fortschrittlicher scheint (als Laie).

Aber erstens ist es doch völlig egal, ob hier Röntgengeräte (bekannte Marken) aus den 80ern stehen. Die Bänke oder Stühle nicht superneu und nicht besonders modern wirken. Vielleicht in manchen Kliniken renoviert werden müsste. Seit wann lasse ich mich so sehr von der Oberfläche blenden? Seit wann ist mir das wichtig? Wo ist diejenige, die immer zuerst nach Hausmittelchen, Naturmitteln oder homöopathischen Mitteln sucht? Und natürliche Medizin wird hier ganz groß geschrieben. Hier sitze ich an der Kenntnisquelle für Kräuter, Tinkturen und altem naturheilkundliches Wissen.

Wenn ich also auch bei sehr hohem Fieber noch nicht zu fiebersenkenden Tabletten greifen, auf die körpereigenen Abwehrkräfte vertrauen und fördern will, immer auf dem Natur und Kräutertrip bin, warum mache ich mir dann in so einer Schicki-Micki Klinik Gedanken um die Hygiene? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich sehe da einen Widerspruch.

Letztendlich wurde mir der Nagel professionell entfernt, mein Zeh verbunden und ich wieder nach Hause geschickt. Nicht einmal eine Minute dauerte das. Ich fuhr nach Hause, schämte mich immer noch, dass ich durchschaut wurde. Und der Arzt hatte wahrscheinlich eine gute Geschichte zu erzählen am Abend zuhause, von der Deutschen, die denkt, man lebe im Mittelalter in Marokko. Na toll!

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Ein Gedanke zu “Mein Zeh und ich

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