Marokko und die Zeit

Ende März wurden auch in Marokko die Uhren umgestellt. Genau wie in vielen Ländern Europas eine Stunde hinzugefügt. Dafür ist es nun auch in Marokko wieder eine Stunde länger hell und alle Gebetszeiten verschoben sich um eine Stunde. Warum ist das ein Thema für mich? Abgesehen davon, dass ich es für den Biorhythmus eine Katastrophe finde, kommt jetzt wieder die Zeit, in der ich, zumindest zeitlich gesehen, gegen den Strom schwimme, mich und meinen Tagesablauf irgendwie immer rechtfertigen muss bzw. immer wiederkehrende Kommentare hören werde. Aber alles von vorne…

Es ist herrscht allgemein das Klischee, dass in Afrika Zeit keine große Rolle spiele. Dieses Klischee wird mich noch einiges an Denkarbeit kosten, aber klar ist schon einmal: So kann man das nicht sagen. Zeit spielt eine Rolle. So verändert sich der Tagesrhythmus interessanterweise über das Jahr hinweg unmerklich, um nach einem Jahr wieder in den Ausgangsrhythmus zurück zu fallen. Im Sommer wird Mittagsschlaf gehalten, man ist lange draußen und lange wach. Im Winter ist alles anders, man hält kaum Mittagsschlaf, geht kurz nach dem Mittag raus und schläft früh. Seitdem ich nun fast einen Zyklus miterlebt habe, ist mir auch der Grund ganz klar. Ich muss nochmals betonen, dass ich nur für mein Umfeld spreche, das ich hier vor Ort bei mir erlebe. Das ist einmal örtlich begrenzt auf Casablanca und auf Menschen, die überwiegend selbständig arbeiten oder zuhause sind. Letzteres sind dann oft die Frauen. Angestellte mögen noch einmal ein ganz anderes Leben leben.

Woran liegt also diese Verschiebung und warum kollidiert das mit meinem Leben so sehr? Ich habe als Ursache die Gebetszeiten ausgemacht. Das was in Deutschland die Uhr ist, ist hier der Adhan (=Gebetsruf). Dieser ertönt zwar nur fünfmal am Tag, ist aber ausreichend, um den Tag der Menschen zu strukturieren. So wie es in Deutschland Familien gibt, die ihr Mittagessen nach Uhr einnehmen, so wird hier alles um das Gebet herum organisiert. Mittag gibt es nach dem Mittagsgebet (=Dhur), Besuche werden nach dem Nachmittagsgebet (=Asr) abgestattet, Mittagsschlaf sollte man vor dem Nachmittagsgebet halten, ect. Das bedeutet natürlich, dass man im Sommer eine Stunde länger auf das Mittag warten muss, konkret gibt es dann so gegen 14.30 Uhr Mittag. Natürlich schafft man dann auch ein Nickerchen zu halten, da das Nachmittagsgebet momentan erst um 17.30 Uhr verrichtet wird. Und um 18 Uhr zieht man dann los, Leute zu besuchen oder einen kleinen Spaziergang zu machen. Besuche werden selten beim Besuchten angekündigt, es bietet sich an sicherheitshalber immer einen Snack im Haus zu haben. Aber sollte doch einmal jemand zum Telefonhörer vorher greifen, dann heißt es meist: Ich komme nach Asr. (Was natürlich sehr praktisch ist, da man nicht zu spät kommen kann, solange man nach Asr und noch vor dem Abendgebet (=Maghrib) erscheint. Das sind immerhin fast drei Stunden im Sommer. Diese Zeitangabe kommt mir sehr entgegen, solange ich nicht die Besuchte bin.)

Alles kein Problem, ich würde mich all dem mit Freude anpassen, da ich ein totaler Nachtmensch bin, der morgens drei Stunden zum Wachwerden braucht, aber nachts geistig und körperlich am fittesten. Eigentlich… Denn meine Tochter soll eigentlich spätestens um 8.15 Uhr morgens in der Schule sein. Zu dieser Zeit pünktlich in der Schule zu erscheinen, wird neben meinen ganz persönlichen Integrationsversuchen (wie diese aussehen lest ihr hier oder in Versuch einer Integration II) mein langfristiges Ziel. Sollte ich es einmal erreichen, werde ich eine große Party schmeißen. Bisher haben wir es kein einziges Mal geschafft. Das liegt einmal an meinem ganz persönlichen Problem mit Pünktlichkeit, zweitens aber auch an dem Gefühl, dass Unpünktlichkeit hier mehr Normalität hat als in Deutschland. Es ist nichts Ungewöhnliches noch 20min. nach Schulbeginn Schüler auf dem Weg zur Schule zu beobachten. Auch in Begleitung von Eltern. Das fördert meinen Hang zur Unpünktlichkeit natürlich ungemein.

Jedenfalls müssen nach meinem Verständnis Kinder, die morgens früh aufstehen, auch relativ früh ins Bett gehen. In diesem Falle spätestens um 20 Uhr, aber idealerweise um 19 Uhr. Meines Erachtens nach. Nun finde ich mich nach der Zeitumstellung aber mit einem Umfeld konfrontiert, das genau wie meine Kinder argumentiert: Warum denn schon schlafen, wenn es noch hell ist? Hier kann man dann deutlich sehen, wie schön es sich aneinander vorbeireden lässt. Ich argumentiere nach Uhrzeit, der Rest um mich herum nach Gebetszeit und handfesten Gegebenheiten wie dem Tageslicht. Ich werde konfrontiert sein mit meiner Schwiegerfamilie, die um 18 Uhr, wenn ich das Abendbrot mache, mit den Kindern auf den Spielplatz gehen will. Die mich um 14.30 Uhr zum Mittagessen einladen, das dann wohl das zweite Mittag wird, da wir sonst alle ein Loch im Bauch hätten und aus Unterzuckerung schon umgefallen wären. Grundsätzlich stelle ich mich also auf Kommentare ein und bin ansonsten nur dankbar, dass wir in einer eigenen Wohnung leben. Und doch fühle ich mich dann manchmal wie in einem Paralleluniversum, weil unsere Tätigkeiten immer zeitversetzt zu dem der anderen geschehen. Wir sind mit allem immer etwas voraus, immer die ersten auf dem Spielplatz und die ersten, die gehen. Wir essen Mittag, wenn andere vielleicht gerade gefrühstückt haben. Wir essen Abendbrot wenn andere gerade ihren Tee trinken. Schade, nur beim Schulweg scheinen wir uns immer etwas zu verirren und kommen wie viele anderen immer noch zu spät.

Eine ganz spezielle Ausformung unterschiedlicher Zeitempfindungen und Zeitfenster stellt das Thema Feierlichkeiten und Einladungen zum Essen dar, zum Beispiel zu Hochzeiten (Nachzulesen bei Abfeiern auf marokkanisch). Auf solch einer waren wir nämlich, natürlich mit Kindern. So wie es sich in Marokko gehört.

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Ein Gedanke zu “Marokko und die Zeit

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