Abfeiern auf marokkanisch

Nun ist es schon wieder zwei Wochen her, aber trotz allem lohnt es sich darüber zu schreiben: eine Hochzeitsfeier seit Ewigkeiten. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich in Marokko das letzte Mal zu einer Hochzeit eingeladen war. Anlässe gibt es hier mehr als genug. Es wird geheiratet was das Zeug hält, aber das Timing war irgendwie immer so schlecht, dass wir nicht in Marokko waren. An jeder Straßenecke findet man dementsprechend Traiteurs oder Fotografen. Traiteurs sind, was ich mir unter einem Weddingplanner vorstelle. Diese kümmern sich um alles von Tischen, Stühlen, über Deko bis zu Essen, wenn man das ganze Paket möchte. Zusätzlich werden noch Fotografen/Innen und Leute zum Filmen engagiert, sodass man auch jeden Gast und das Hochzeitspaar wirklich von allen Seiten begutachten kann. Letzteres sage ich nicht umsonst, denn um das geht es aus meiner Sicht: Sehen und gesehen werden.

Meine Schwägerin, die im Ausland lebt und nicht dabei sein konnte, bekniete uns seit der Hochzeit ständig Fotos an sie zu senden, so als gäbe es nichts anderes mehr. Aber… mir ist das auch völlig klar teilweise. Ich habe das Gefühl, hier lebt noch der Mythos vom Prinzen, der auf einem weißen Pferd angeritten kommt, um die Prinzessin zu heiraten. Für viele Mädchen ist die Hochzeit wie ein Traum, den sie seit ihren jüngsten Kindertagen träumen. Eines Tages sagen sie sich, werde ich auch eine Prinzessin sein für eine Nacht. Sie hören die Erwachsenen über die Hochzeiten reden, wie hübsch die Braut war, wie hübsch die Kleider, wie großzügig doch die Geschenke, und wie großzügig die Brauteltern, die die ganze Feier bezahlen. Es wird tagelang ausgewertet und das Video immer mal wieder angeschaut, um wieder darüber zu sprechen. Kein Wunder, wenn Mädchen schon mit 4 Jahren dann auf die Frage, was sie später werden möchten, antworten: Eine Braut.

Und wirklich… die Braut trägt die farbenprächtigsten Kleider ( nein, nicht nur eins, es wird während der Feier umgezogen. In diesem Falle waren es fünf, wenn ich mich nicht täusche. Zumindest bis ich dann nach Hause ging. Danach können noch gut und gerne mehr Kleider hinzu gekommen sein), sie wird auf Händen getragen, wird besungen und gefeiert und bedient. Sie wird angezogen, geschminkt und betreut. Eine Nacht scheint es nur um sie zu gehen. Es gibt Menschen, die das genießen. Ich selbst würde die Beine in die Hand nehmen. Denn… die Braut und der Bräutigam sind auch diejenigen, die nicht feiern. Sie haben ihr straffes Programm wie Umziehen, lächeln, sitzen und posieren, lächeln, sitzen und mit Gästen für Fotografen posieren, immer noch lächeln. Dann losgehen und das nächste Kleid anziehen, wiederkommen, wieder auf den Stuhl vorne auf dem Podest setzen und lächeln, mit Bräutigam posieren, lächeln, mit Gästen posieren, lächeln. Dann losgehen und das nächste Kleid anziehen, wiederkommen und so weiter und so fort.

Die, die feiern, sind die Gäste. Diese haben in der Zeit, in der die Braut nicht da, ist viel Zeit zum Schnacken und Tanzen. Und schauen, schauen, schauen natürlich. Potentielle Kandidaten für die eigene Hochzeit lassen sich dabei allerdings nicht erblicken, da die von uns besuchte Hochzeit wie viele andere auch, getrennt gefeiert wurde. Das heißt, dass die Frauen in einem Saal feierten und die Männer in einem anderen. Man scheint den Frauen mehr Neugierde zu unterstellen, sodass all die ganzen Zeremonien wie Hennamalen, die Ankunft des Bräutigams (die bald in dem kleinen Video zu sehen sein wird, das ich demnächst einstelle) und die ganze Umzieherei bei den Frauen stattfindet. Der einzige Mann weit und breit ist in dem Saal der Bräutigam oder bei der Ankunft vom Bräutigam die Tänzer und Musiker. Die Männer lesen bei den Hochzeiten häufig Koran (einer rezitiert und die anderen lauschen) und im Anschluss gibt es das Essen. Auf dieser Hochzeit wurde kein Koran rezitiert, sondern nur gegessen.

Was das Essen angeht, schwelgte ich an dem Tag schon zwei Tage vorher in Vorfreude. Die Menüs unterscheiden sich nicht, auf jeder Hochzeit gibt es das Gleiche. Und doch ist es einfach nur lecker.Am Anfang, wenn die Braut mal wieder zum Umziehen unterwegs ist, gibt es Kleingebäck wie Millefeuilles o.ä. und in der nächsten „Pause“ Tee und Süßigkeiten (wie das sehr bekannte und verbreitete Kaab Ghazal). Anfang ist dabei untertrieben. Ich denke, dass es schon 0.00 Uhr zu dem Zeitpunkt war. Danach folgen Hühnchen mit Oliven, welches mit Brot gegessen wird und als nächster Gang Rindfleisch. (Was würde ich dafür geben, dass ich Fotos davon hätte. Leider gab mein Akku nach den ersten vier Kleidern den Geist auf.) Beide Gerichte werden nicht mit Gemüse gereicht, sondern tatsächlich nur mit Brot, wie bei allen marokkanischen Gerichten, verzehrt. Ich bin wirklich kein Fleischfan, umso weniger wenn es kein Gemüse gibt. Aber bei diesen Gerichten kann ich mich reinlegen. Inzwischen weiss ich auch, dass ich beim Hühnchen-Gang noch Platz lassen muss. Auf meiner ersten Hochzeit (als Eingeladene wohlgemerkt) dachte ich, es gibt nichts anderes. Und ich aß, bis ich mehr als satt war. Dann kam plötzlich noch ein Monsterteller mit Rindfleisch. Da guckte ich nicht schlecht. Geschlossen wird das Menü durch einen Obstteller mit Obst der Saison. Ich lüge nicht, wenn ich sage: Danach will man einfach nur, dass ein Bett wundersamerweise aus dem Erdboden auftaucht. Die Uhr schlug nach dem letzten Happen Obst dann schon 3.00 Uhr. Es folgen in der Regel noch ein oder zwei weitere Kleider (man kann schon wie bei einer Modenschau sprechen) und der Anschnitt der Hochzeitstorte.

Diesen Teil erlebte ich nicht mehr bei dieser Hochzeit. Denn wir konnten endlich nach Hause gehen, ohne als unhöflich zu gelten. Das wurde auch Zeit, denn obwohl die Kinder kaum noch die Augen offen halten konnten… schlafen ging bei dieser Lautstärke irgendwie auch nicht. Und wer jetzt meine Dreistigkeit verflucht, mit Kindern auf so eine Hochzeit zu gehen, dem sei gesagt, dass ich auch sehr mit mir haderte. Ich muss tatsächlich sagen, dass der Eigennutz (Sehnsucht nach etwas Abwechslung) und gesellschaftlicher Zwang letztendlich die Oberhand gewannen. Zu einer Feier wegen den Kindern nicht zu gehen, würde hier niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiemand verstehen. Die Marokkaner schleppen ihre Kinder überall mit hin, egal was die Uhr schlägt. Vielleicht ist die große Aggressivität, die manche Kinder an den Tag legen, einfach auf Übermüdung zurück zu führen. Das wäre eine Überlegung wert. Die anderen Kinder sprangen da auch alle quietschfidel und superhappy durch die Gegend. Nur meine, offensichtlich anders gepolten, Kinder machten irgendwann, genau wie ihre Mama, schlapp.

Da begann für die anderen gerade der vergnügsame Teil mit Tanz und Musik. Ich war nicht traurig, das letzte nicht mehr miterlebt zu haben. Tanz und Musik gab es schon vorher. Und die Hochzeitstorte passte sowieso nicht mehr rein. Ich saß satt und glücklich im Auto und träumte vom Bett. Und hatte nur einen Gedanken: Gott sei Dank, dass mein Mann sich damals erfolgreich wehrte, als meine Schwiegereltern eine Hochzeitsfeier für uns organisieren wollten. Ich liebe marokkanische Hochzeitsfeiern, … wenn es nicht meine eigene ist.

 

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2 Gedanken zu “Abfeiern auf marokkanisch

  1. Pingback: Marokko und die Zeit | marokkomittenmang

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