Ein Leben ohne Supermarkt

Wie oft nahm ich mir in Deutschland vor, nur noch Bio zu kaufen, zu essen, mehr selber zu machen, weniger zu Tiefkühlkost zu greifen? Ich war nie konsequent. Leider. Ich bin wahrscheinlich eine der vielen, die zuviel gelesen hat, um ohne schlechtes Gewissen im Supermarkt einzukaufen oder auf dem Markt zum Billigsten zu greifen. Aber zu inkonsequent ist, um das Theoretische ins Praktische zu übersetzen. Zumindest teilweise. Bei mir gab es im Kühlschrank ein buntes Durcheinander von Demeter über EU-Bio bis zu Konventionell. Wer weiss? Wenn wir geblieben wären, vielleicht hätte ich es vielleicht irgendwann einmal wirklich geschafft.

Aber jetzt brauche ich mich nicht mehr zu überwinden, mir To-Do-Listen schreiben oder mein ab-Morgen-wird-alles-Anders-Mantra wiederholen. Hier in Marokko bin ich gezwungenermassen zur DIY-Jüngerin und Back-To-The-Roots-of-Food Kennerin geworden. Fertig kommt bei uns bisher Brot, Fischstäbchen und Pizzasauce ins Haus. Nicht weil ich Spaß daran habe, Tortellini und Gnocchi selber zu machen (naja, gut, so übel ist es gar nicht), sondern weil es manche Dinge wie eben genanntes gar nicht gibt, es ist megasüß, es schmeckt nach einem ordentlichen Schuss aus der Chemiekeule (zum Beispiel Joghurt und Eis) oder weil es unser Budget übersteigt. Wie eben erwähnt, ist es auch spannend so langsam zu entdecken, was hinter den Fertigprodukten steckt, die ich in Deutschland so gerne konsumiert habe. Soviel Aufwand ist die Herstellung meist auch gar nicht. Aber natürlich mehr Zeitaufwand als Tüte aufschneiden- 10 min. kochen- Fertig!

Etwas vermisse ich das Tiefkühlgemüse, das geputzt, portioniert und sogar gewaschen war. Ein bisschen vermisse ich die Tiefkühlpizza, und die Tiefkühlhefeklöße. So braucht es einen Fernsehabend, um am nächsten Tag Erbsen essen zu können. Denn die muss ich hier selber aus der Schote pulen. So gibt es nicht einmal eben Gnocchi und Tomatensauce. Da muss ich mich eben hinstellen und Gnocchi formen. Unter uns gesagt, dauert das auch nicht ewig. Es lohnt den Aufwand. Tortellini, Hefeklöße, Blätterteig, Streuselschnecken, Pesto und vieles mehr steht noch auf meiner Muss-mal-ausprobiert-werden-Liste. Abwechslungsreich essen und gern gegessene Gerichte zubereiten wird etwas aufwendiger und zeitintensiver. Manchmal finde ich es okay, manchmal nervt es mich.

Dafür lerne ich momentan immer wieder neues dazu ohne mich anzustrengen. Ich lerne im Laufe des Jahres viele neue Gemüsesorten kennen, und brauche mich nicht zu fragen, ob denn gerade Saison ist, damit ich guten Gewissens das Gemüse oder Obst meines Verlangens nach Hause tragen darf. Denn wäre nicht Saison, dann gäbe es hier nicht auf dem Markt. Ist ein Produkt importiert, und vielleicht somit wegen des langen Transportweges für mich nicht vertretbar, dann brauche ich kein Etikett, um das zu wissen. Dann ist das einfach dreimal so teuer als das heimische Gemüse.

Für die kulinarisch interessierten gibt es momentan Blumenkohl, Zucchini, Auberginen, Tomaten, Kartoffeln, Ful-Bohnen, Brechbohnen, Artischocken (ich habe zwei im Kühlschrank und will seit Ewigkeiten recherchieren, wie man die zubereitet), Zwiebeln, Spinat, Rettich, Kürbis, Erbsen, Möhren, Blattsalat, Gurken. Das Obstangebot umfasst Erdbeeren (seit Januar, yummie. Ein mega Pluspunkt für Marokko), Äpfel (importiert), Birnen (importiert), Bananen, Honigmelonen, Wassermelonen, Orangen, Mandarinen, Mangos, Papaya, Kokosnüsse (importiert nehme ich an), Luquat (habe ich heute dazu gelernt, aber nicht gegessen). Und so verabschiedet sich das ein oder andere Obst oder Gemüse im Laufe des Jahres, um auf dem Holzwagen der Verkäufer Platz für andere zu machen. Hat sich bei mir erledigt, irgendwelche Kalender mit den Übersichten für die Saison der Gemüsesorten aufzukleben. Was ich noch toll finde an den vielen Gemüsemärkten hier… hier braucht sich kein Gemüse nach einer EU Norm zu richten. Schiefe Möhren, herzförmige Kartoffeln, krumme Gurken… egal, hier landet alles auf dem Tisch. Großes Manko hier sind die nicht vorhandenen Kontrollen und Grenzen. Hier kann man so viel Pestizide auf die Pflanzen spritzen, wie man lustig ist. Die Tomaten sind manchmal noch ganz weiß von dem Pulver.

Was mich wundert, ist, dass die Supermärkte bisher noch nicht die Oberhand gewinnen konnten. Ich habe 2004 bei einem Praktikum eine Studentin kennengelernt, die über die Veränderung der wirtschaftlichen Strukturen in arabischen Ländern schreiben wollte, die durch Supermärkte ausgelöst werden. Das war vor über 10 Jahren. Damals fand ich das Thema todlangweilig, schon allein durch das Wort Wirtschaft. Heute wünschte ich mir, ich hätte sie ein bisschen interviewt. In Marokko scheint sich seitdem nicht viel verändert haben.

Die lokalen Märkte und Hanuts (wie die Tante Emma-Läden heissen) behalten weiter tapfer die Oberhand. Eine Minderheit tätigt seinen Einkauf regemäßig im Supermarkt.  Wahrscheinlich entweder weil man gleich nebenan wohnt oder weil es auch schicker ist als auf einen regionalen Gemüsemarkt. Da geht ja jeder hin 😉 Für die meisten Menschen sind die Supermärkte auch häufig zu weit entfernt und außerdem auch oft teurer. Hier zahlt man also tatsächlich den Supermarktgang als lifestyle- Element. Früher als Urlauber war es für mich immer eine nette Abwechslung einmal in den Supermarkt zu gehen. Heute finde ich es zeit-, mit Kindern nerven- und geldraubend. Ich freue mich, dass der Markt nur 5min. Gehminuten entfernt ist und ich stört es nicht, dass hier alle einkaufen gehen. 😉 Ich mag den Esel, der immer geduldig dort wartet bis der ganze Zirkus vorbei ist und sein Grünzeug kaut. Oder die Verkäufer, die jeden Tag dort stehen und die Kunden manchmal schon mit Namen kennen. Ich mag die Holzkarren, das unvollkommene Gemüse, das Stimmengewirr… nur auf Verkäufer, die mich über das Ohr hauen wollen. Auf die könnt ich verzichten.

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Ein Gedanke zu “Ein Leben ohne Supermarkt

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