Das Wort als Heimat

Kennt ihr das auch? Ihr geht durch eine Straße und plötzlich ist da der Geruch, der etwas in Euch aufbrechen lässt. Plötzlich ist da ein Gefühl, ohne Vorwarnung. Das Gefühl ist vor den Gedanken da. Das Gehirn rattert noch, zerbricht sich den Kopf. Aber der Geruch, das Gefühl, die Realität des Augenblicks haben dich schon überrascht. Ohne dass das Gehirn weiß, an welchen Ort oder an welche Situation er Euch erinnert, so schlägt das Herz doch schneller, die Bauchgegend wird warm und in euch steigt etwas auf: Entweder Geborgenheit, manchmal Aufregung oder Freundschaft, familiäre Nähe, irgendetwas. Mir ist es bisher nur mit positiven Gefühlen passiert, Gott sei Dank. Vielen geht es sicher auch mit negativen Erinnerungen so.

Ich koste diese Momente aus, und versuche meistens die bewussten Gedanken so lange wie möglich zu verdrängen, um einfach nur das Erleben zu genießen. Einmal wirklich nur den Augenblick spüren. Wahnsinn!

Was ich neu entdeckt habe, ist, dass Worte auch solch eine Wirkung haben können. Sie funktionieren anders, können jedoch auch genau so starke Gefühle hervorrufen. Wie das geht? Man ziehe in ein fremdes Land und lerne eine andere Sprache. Dann gehe man in einen Park und treffe zufällig einen Menschen aus derselben Region, in dem man aufgewachsen ist und der sich durch einen unverwechselbaren Dialekt auszeichnet.

Ist mir passiert. Hier in Casablanca, vor zwei Wochen an einem Samstag, an dem ich mit einer Freundin im Park verabredet war. Ich liebe diesen Park. Man sieht in Casa nicht viel Grün und auch Freifläche für die Kinder ist nicht so üppig. Und dieser Park lässt mich die Betonwüste um mich herum ein wenig vergessen. Er ist nicht groß, aber man kann etwas spazieren gehen und muss nicht Angst haben, die Kinder werden gleich vom nächsten Auto zu Matsch gefahren. Jedenfalls verbrachten wir fast die ganze Zeit in einer Ecke, in der die Kinder Fußball spielen konnten. Nun war aber meine Tochter ganz heiß auf ein bisschen im Sand buddeln und so bewegten wir unsere Meute in Richtung Möchtegern-Spielplatz mit lockerem Schmuddelsand. Den Kindern ist ja egal, aus welchem Sand Kuchen gebacken werden. Und als wir uns gerade ärgerten, dass sich alle Leute auf den Bänken so hingesetzt hatten, dass man ihnen unweigerlich auf die Pelle rücken würden, wenn wir uns auch noch dazwischen quetschen würden, da passierte etwas. Ich nahm das nicht bewusst war, weil ich gerade mit meiner Tochter hantierte. Aber mich irritierte etwas. Etwas passte nicht ins Bild oder besser in die Geräuschkulisse. Bevor ich kapierte, dass das einfach so vertraute Laute waren, die ich in der mir total fremden Umgebung überhaupt nicht zuordnen konnte, verstand ich erst hinterher. Es war ja nicht nur Deutsch was ich da hörte, nein, da berlinerte jemand, dass es eine Freude war.

Im nächsten Augenblick winkte sie uns ausholend zu und rief, dass wir uns neben sie setzen sollten. Sie beendete dann erst einmal ihr Telefonat, bevor wir uns vorstellten. Für sie war das auch unglaublich, dass sie zufällig in Casablanca in einer eindeutig sehr untouristischen Gegend zwei Deutschen über den Weg lief. In Agadir, Essauira oder Marrakech wäre das nicht so überaus ungewöhnlich. Aber hier ist es doch recht selten, so ein Zusammentreffen.

Spannend ist in solchen Augenblicken wie naiv und unschuldig man sofort Vertrauen zu der Person fasst, die eine völlig Fremde ist. Der Kopf sagt mir das auch. Ich kenne diese Frau gar nicht. Aber es ist unglaublich, was die Muttersprache für eine Macht hat. Sie stellt sofort eine Verbindung her zwischen zwei unbekannten Menschen. Wir wissen gar nichts über den anderen, aber allein durch die Sprache nehmen wir an, dass wir ein ganzes Denksystem teilen. Oft genug denkt man, dass auch Begriffe bei allen Menschen dasselbe bedeuten, was ein Trugschluss ist. Es wäre wunderbar, wenn in Artikeln oder Büchern wichtige Begrifflichkeiten definiert werden würden. Diese werden auch in einem Land völlig anders verwendet (schönes Beispiel: Islamist). Und dennoch gibt es scheinbar Dinge, die viele Deutsche gemeinsam haben. Die Problematik mit den unterschiedlichen Tagesrhythmus (siehe Marokko und die Zeit)ist ein gutes Beispiel. Und diese Ahnung, dass wir manche Dinge gleich sehen und diese uns vom Lebensstil von Marokkanern unterscheiden, schwingen irgendwie schon allein in der gleichen Muttersprache mit. Das erste Zusammentreffen ist meist sehr magisch. Ich mag das. Schon beim zweiten Mal zerschlägt sich meist die Illusion mit der Verbundenheit. Und dennoch ist es immer wieder aufregend.

Auch wenn ich nicht stolz darauf bin… ich habe bisher wirklich nur Kontakt zu Deutschen. Ich bin gerade dabei, die wunderbarste Parallelgesellschaft aufzubauen. Ich will das nicht. Aber alle meine Versuche mit den Marokkanerinnen Freundschaft zu schließen, schlugen fehl. Über ein paar locker gewechselte Worte auf der Straße ging es bisher nicht hinaus. Sehr schade. Aber ich habe bisher niemanden gefunden, wo es passte. Wo man den anderen Menschen wirklich kennen lernte. Es bleibt bisher oberflächlich. Aber … ich hoffe, ich werde  nicht in meiner Parallelgesellschaft stecken bleiben.

PS: Solltet ihr Erfahrungen oder Tipps haben, wie man andere Menschen kennen lernt wenn man nicht studiert oder arbeitet (das waren bei mir bisher die Orte, an denen ich meine Freunde getroffen habe), dann bin ich dankbar für jeden Hinweis. Bis bald

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Ein Gedanke zu “Das Wort als Heimat

  1. Pingback: Heimatverwirrung | marokkomittenmang

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