Nicht ohne mein Auto

Das Anlegen der Fähre in Tanger dauerte ewig. Wir kauerten früh am Morgen mit all den anderen Reisenden der Fähre in einer Möchtegern-Fünfsterne-Lounge. Ich war zwar schon ewig nicht mehr in einem Sternehotel. Das letzte Mal mit meinen Eltern als Jugendliche, wenn ich mich recht erinnere. Aber diese Lounge erinnerte mich an vergangene Zeiten. Die Ausstattung ist einerseits auf Praktikabilität ausgelegt, andererseits soll es wohl auch elegant wirken. Aber die Architektur ist von etwa so elegant wie die von Flughäfen.

Nach langem Warten bewegten wir uns dann zur Garage, um hoffentlich in drei Stunden anzukommen. Wir waren schon auf eine längere Diskussion beim marokkanischen Zoll vorbereitet. Die Pässe und Autopapiere werden schon auf der Fähre am Vortag der Ankunft kontrolliert, um das Prozedere beim Zoll zu beschleunigen. Schon da wollte er unsere Autopapiere nicht abstempeln. Aber meist lösen sich die Probleme nach einem Gespräch mit dem Vorgesetzten und im schlimmsten Fall mit Zahlung von „Trinkgeld“ auf.

Wir fuhren also zum Zoll und ein Auto nach dem anderen passierte unseres, während mein Mann mit dem Zollbeamten redete. Zum Schluss standen tatsächlich nur noch wir dort mit einer Französin, die das gleiche Problem hatte. Das Problem waren unsere Aufenthaltsgenehmigungen. Das, was ansonsten alles erleichterte, war jetzt das Hindernis. Als Resident, also als dauerhaft in Marokko lebende Person, darf man kein Auto einführen. Auch die Marokkaner nicht. Diejenigen Marokkaner, die einen europäischen Pass haben oder zumindest einen Nachweis, dass sie im Ausland leben, dürfen Autos einführen. Auch Touristen, da auch diese bekanntlich nicht in Marokko leben. Aber wir anderen haben Pech gehabt.

Nun standen wir da  und hatten lange Nasen. Essen hatten wir genug dabei für weitere drei Tage. Auch Kleidung. Die Kinder waren auch superlieb. Wir  mussten nur aufpassen, dass sie niemandem vor das Auto liefen. Aber ein Hin und Herwenden der Situation und Alternativen abchecken änderte nichts daran, dass das Auto bleiben sollte. Wir hatten die Wahl zwischen Mit- Bahn-fahren oder Abgeholt werden. Und Gepäck da lassen oder gleich mitnehmen, falls jemand mit Auto käme. Und doch wurde mir das Herz schwer bei dem Gedanken, das Auto dort stehen zu lassen. Nicht nur weil es uns zusätzliche Umstände machte, sondern weil dieses Auto uns schon so weit begleitet hatte. Wo ist es nicht schon mit uns hingefahren. Was haben wir nicht alles getan, damit es bei uns in Marokko blieb. (Denn auch als mein Mann das Auto einführen durfte, hatte es nur sechs Monate Aufenthaltsrecht.) Wir fuhren nach einem halben Jahr extra nach Ceuta, einer Stadt in Marokko, die aber zu Spanien gehört. Dort wurden ich und das Auto ausgeführt (denn ich hatte zum damaligen Zeitpunkt noch keine Aufenthaltserlaubnis und durfte als Tourist nur drei Monate bleiben), um danach gleich wieder einzureisen und einen Stempel in die Papiere zu bekommen. Auch dort funktionierte es mit dem Auto nicht ganz einwandfrei, jedoch hatten wir eine Lösung. Nun sollte es also im Depot am Zoll einsam und alleine stehen bleiben.

Aber der Zollbeamte selbst brachte uns auf eine ganz andere Idee. Es könnte ja jemand kommen, der das Recht hätte, es einzuführen und dann auf seinen Namen einführen. Sprich ein im Ausland lebender Marokkaner. Und siehe da, meine in Italien lebende Schwägerin und ihr Mann waren gerade in Marokko. So wurden ein paar Anrufe getätigt und schon saßen zwei Leute im Auto auf dem Weg zu uns, um uns aus der Misere zu helfen. Hieß es nur noch drei bis vier Stunden zu überbrücken an einem Ort, an dem es gar nichts gab.

Nun gut, das stimmt nicht ganz. Es gab ein paar Häuschen, Ticketschalter, einen Kiosk, lauter Pfeiler und Bänke und ein paar Bäume. Und was braucht es mehr, um dann drei Stunden verstecken zu spielen???!!!

Aber wieder einmal mehr staunte ich über diese Spontanität, die den Menschen hier eigen ist. In Deutschland hätte es wohl erst einmal einen halben Tag gedauert, um jemanden zu finden, der gerade abkömmlich ist, um aus der Patsche zu helfen. Hier dauert es eine halbe Stunde und die Leute sind unterwegs, vorausgesetzt sie haben ein Auto. Ich rätsele noch, ob diese Flexibilität ein Privileg der Selbstständigen ist, zu denen die Mitglieder meiner Schwiegerfamilie allesamt gehören. Aber ich ahne, dass auch Angestellte oder andere Beschäftigte in ihrem ganz persönlichen Handlungsrahmen eine gewisse Flexibilität haben und die ausnutzen.

Ich hingegen: Mein Gott, bin ich manchmal unflexibel bei den unmöglichsten Kleinigkeiten (zu den geläufigsten gehören Besuche). Zu dem Gefühl, dass mir unvorhergesehene Ereignisse manchmal überhaupt nicht in den Kram passen, kommt dann noch mein Ärger über genau diese Eigenschaft, die mir manchmal selbst im Weg steht. Aber so ist es halt. Sollte sich diese Inflexibilität, Planungsbesessenheit und Organisierlust irgendwann durch meinen Marokkoaufenthalt verabschieden, lasse ich es Euch wissen. Damit könnte ich mich dann tatsächlich überraschen. Ob ich damit leben kann?

Zusammenfassung für alle, die mit Auto nach Marokko fahren wollen:

  • Marokkaner, wohnhaft im Ausland und Touristen können ein Auto einführen, allerdings nur einmal pro Jahr
  • das Auto kann dann bei Touristen drei Monate, bei Marokkanern sechs Monate im Land bleiben
  • sollte die Frist nicht eingehalten werden, zahlt man ein Bußgeld beim Zoll
  • wie weit man die Frist überschreiten darf ohne größere Probleme zu bekommen, kann ich nicht sagen
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Ein Gedanke zu “Nicht ohne mein Auto

  1. Pingback: Was ich über das Reisen mit dem Auto gelernt habe | marokkomittenmang

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