Das Schweigen der Hammel

Jetzt ist es über vier Wochen her, das Opferfest. Und endlich ist auch der Fleischer wieder offen. Das ist wirklich eine lange Zeit gewesen, aber dieser Laden ist nun der letzte der wieder zur Normalität übergeht. Diese lange Zeit macht auch deutlich, wie wichtig dieses Fest ist. Kurz vor dem Opferfest fahren sehr viele zu ihren Familien auf das Land, Casablanca wirkt fast leer. Und viele Läden sowie Gemüsemärkte sind gut zwei Wochen geschlossen. Jeder Gemüsehändler, der vorher verkauft, nimmt mangels Angebot das Dreifache des normalen Preises. Nach zwei Wochen Urlaubsstarre kommt dann wieder Leben in die Metropole.

Das Opferfest ist an sich nicht sehr feierlich, jedenfalls nicht in unserer Familie. Aber vor ein paar Jahren sagte eine Bekannte etwas Kluges. Sie meinte, dass man die verschiedenen Feste wie Weihnachten (das wir aus Deutschland eben auch kennen und daher vergleichen können), Zuckerfest oder Opferfest einfach nicht vergleichen kann, da jedes eine ganz eigene Dynamik und Atmosphäre hat. Jedes Fest hat scheinbar seinen ganz eigenen Herzschlag und Geschmack.

Der Geschmack des Opferfestes ist eindeutig Fleisch, ganz viel Fleisch. Morgens gegen 7h ist das Festgebet, danach wird gefrühstückt – noch kein Fleisch. Das steht noch putzmunter blökend im Klo. Aber wer denkt, dass es ein einstündiges, familiäres, unterhaltsames Frühstück vorher gibt (das wäre nach meinem Geschmack), hat sich geirrt. Schnell ein bisschen Kaffee und Brot. Und dann springen alle auf, um sich umzuziehen. Ich bin dann die letzte, die es sich eben nicht nehmen lässt den Kaffee zu genießen. Alle anderen treibt es auf die Terrasse ganz oben auf dem Haus, um das Schlachten zu beginnen.

Jedes Haus hier in Marokko ist so angelegt, dass es oben eine große Terrasse gibt. Auf dieser wird abends gemütlich beisammen gesessen, Wäsche aufgehängt, gewaschen, Kinder ausgelüftet und … Tiere geschlachtet und ausgenommen. Jede Familie, die genügend Geld zur Verfügung hat, kauft einen Hammel oder manche gar eine Kuh. Wenn ein Sohn oder eine Tochter verheiratet ist, dann zählen sie als eigenständige Familie und schlachten selber. So kommt es, dass manchmal wirklich Arbeit wartet. Denn nicht selten wohnen mehrere Generationen unter einem Dach. Wenn also neben den Eltern noch ein oder zwei Söhne samt Frau und Kindern zuhause wohnen, dann werden mehrere Tiere geschlachtet und ausgenommen.

Am Abend zuvor hört man es dann von allen Dächern und aus allen Garagen muhen und blöken. Viele Tage vorher kommen Schäfer mit ihren Herden in die Großstadt und mieten sich in die zahlreichen Garagen ein, um das Geschäft des Jahres zu beginnen. Alle Kinder lieben es die Tiere zu beobachten und zu streicheln. Auch meine konnten nicht genug bekommen. Der Schulweg dauerte statt 15 min. plötzlich 2 Stunden. Am Opferfest dann ist es plötzlich im Vergleich zum Vortag sehr, sehr still.

Das Schlachten wird mit einem großem, sehr scharfen Messer ausgeführt, was nur zum Schlachten verwendet wird. Damit wird vermieden, dass sich das Prozedere in die Länge zieht und das Tier unnötig leidet. Mit dem Messer wird die Halsschlagader durchtrennt und das Tier blutet aus. Wenn mehrere Tiere geschlachtet werden, wird eins nach dem anderen getötet. Erst wenn das erste ausgenommen und Blut und andere Spuren entfernt sind, wird das nächste nach draußen geführt. Es soll das andere nicht riechen und auch nicht beim Schlachten zusehen. Die Menschen sagen, dass die Tiere sonst Panik bekommen würden. Ich erlebe in meiner Schwiegerfamilie einen großen Respekt vor den Tieren. Für sie ist es eben auch eine religiöse Handlung. Es wird auch wirklich nichts weggeworfen. Alles wird verwendet. Gehirn, Hoden, Magen, Fett…. Ich muss gestehen, dass ich kein Fan von Innereien bin, aber gekostet habe ich bisher alles außer Gehirn. Und das meiste stellte ich mir ekelig vor, aber mit der richtigen Zubereitung hat vieles, was ich früher nie angerührt hätte, sogar geschmeckt.

In unserem Falle sind es „nur“ zwei Hammel, die geschlachtet werden, aber das ist auch ausreichend. Im Prinzip sind wir einen Vormittag und einen Teil des Nachmittags mit dem Ausnehmen und Säubern beschäftigt. Das Ausnehmen allein erfordert schon Handwerk und Kenntnisse. Das Säubern ist auch nicht ohne. Besonders den Magen sauber zu machen, ist zeitaufwendig. Zum Schluss werden Darm, Magen und Fett auf der Wäscheleine getrocknet. Der ausgenommene und kopflose Körper baumelt am Fleischerhaken auf der Terrasse, bis er am Folgetag zerlegt wird. Der Kopf wird draußen auf der Straße von Jugendlichen für ein Taschengeld über dem Feuer geröstet. So ist es dann möglich, ihn zu öffnen und das Gehirn zu entnehmen zum Kochen. Die Leber, Lunge, Herz und etwas Filet werden nach dem Schlachten sofort in eine Marinade gegeben und dann auf Spießen gegrillt. Das mit frischem, selbstgebackenem Brot und marokkanischem Tee ist echt der Hit. Wobei Lunge wirklich nur was für eingefleischte (im wahrsten Sinne des Wortes) ist. Das mag nicht jeder.

An dem Tag selbst kamen ebenfalls Onkel und Cousins zu Besuch. Das hieß, dass zwischendurch gekocht und geschnippelt wurde. Die Aufwendigkeit der Gerichte hält sich an diesem und an den folgenden Tagen allerdings in Grenzen. Das Aufwendigste war, etwas Salat zu schnippeln. Ansonsten gibt es Fleisch. Nichts sonst. Wenn das immer so einfach wäre.

So oder so reichte es der ganzen Familie an Action. Nachdem der Besuch gegen 18 Uhr abgezogen war, lagen alle fertig in der Ecke. Nur die Kinder waren nicht ausgelastet. Kein Wunder…. Nach einem Fernsehmarathon. Die beiden fragten sich, wann endlich das spannende Programm anfängt.

 

Und ihr? Haben Eure Großeltern oder Eltern geschlachtet? Oder vielleicht sogar ihr selbst? Oder seid ihr Vegetarier? Alles Tierquälerei oder wat mut dat mut?

Mich hat der Tag außerdem zum Nachdenken angeregt. Lest hier warum: Der Tod und die Kinder oder: Sollten Kinder beim Schlachten zusehen?

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Ein Gedanke zu “Das Schweigen der Hammel

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