Der Tod und die Kinder oder: Sollten Kinder beim Schlachten zusehen?

Es gibt Momente, da muss man eine Entscheidung treffen. Und wenn man sich vorher nie Gedanken machte, dann intuitiv. Solch ein Moment war das Opferfest. Als am Opferfest (das ich  hier beschrieben habe) alle nach oben stürzten, um das Schlachten zu beginnen, hielt ich kurz inne und es stellte sich mir folgende Frage:

Sollen meine Kinder beim Schlachten zusehen oder nicht?

Es war sehr wenig Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Denn Kinder merken es sofort, wenn etwas im Gange ist und folgen der Herde, an welchen Ort auch immer. Besonders wenn die Minderheit, die nicht folgt, die Mama ist. Um sie also zurück zu halten, hätte ich mir sehr schnell etwas Spannendes einfallen lassen müssen. Zuvor musste ich nun aber entscheiden, ob ich das sonst Unvermeidbare, nämlich dass die Kinder das Töten eines Tieres und unweigerlich eine Menge Blut sehen würden, wirklich vermeiden wollte.

Ich bin leider keine Leserin von Erziehungsratgebern. Nicht, dass ich es bewusst ablehne oder als überflüssig betrachte. Aber ich gehöre eher zum Typus: schnack-mir-mal-einen. Ich löchere alle möglichen Eltern zum Thema, das mir gerade auf den Nägeln brennt und höre mir ihre Erfahrungen oder Gedanken an. Dann mache ich mir meine eigenen Gedanken dazu, und versuche mehr oder weniger erfolgreich sie umzusetzen. Ich habe einmal einen Ratgeber angefangen zu lesen und bin vielleicht bis Kapitel 3 gekommen.

Und ich muss sagen, dass ich viele Entscheidungen so wie auch dieses Mal schnell und aus dem Bauch heraus treffe. Nicht, weil ich das sonderlich gut finde. Ich finde, dass für manche Entscheidungen ein bisschen Bedenkzeit angebracht ist. Aber leider mache ich mir über viele Dinge, obwohl sie absehbar sind, im Vorfeld keine Gedanken. Ich bin so mit dem Tagesgeschäft beschäftigt, dass mich oft die Zukunft einfach überrennt. Ich reflektiere viel, aber aufgrund des genannten Umstands dann doch immer die Vergangenheit.  Leider!

Als ich nun vor dieser Entscheidung stand, kamen mir zwei Dinge in den Sinn:

  1. Mehrere Male bot sich mir folgende Szene: Eltern sagen zu ihren Kindern, dass ein offensichtlich totes Tier (Fliege, Maulwurf, Katze, ect.) schlafen würde.
  2. Der Ratschlag, dass man beim Tod eines Menschen, den Kindern immer die Wahrheit sagen und darüber offen mit ihnen sprechen sollte.

Schon beim Erleben der oben genannten Szene (Punkt 1) zwischen Eltern und Kinder sträubte sich alles in mir. Es kam mir, auch diesmal wieder intuitiv, falsch vor, den Kindern falsche Tatsachen vorzutäuschen. Ich habe, auch diesmal ohne vorher zu reflektieren, meinen Kindern immer geantwortet: Das Tier ist tot. Sei es eine Fliege, Kakerlake oder ein Elefant. Es kommt mir auch unwahrscheinlich vor, dass sie mir abnehmen, die Kakerlake würde kurze Zeit später die Beine in die Hand nehmen und weiter flüchten, wenn sie gerade von mir eine Sandale auf den Kopf bekommen hat und es unvergleichlich FLATSCH! tönte. ABER: Ich habe da keine Erfahrungswerte, ich habe die Alternative zur Wahrheit nie versucht. Seitdem höre ich immer trocken, wenn mal wieder eine Kakerlake das Zeitliche segnete oder eine überfahrene Katze am Straßenrand liegt: „Guck mal Mama, Tot.“ Ich denke dann nur: „Wie wahr.“ Und die Kinder gehen zur Tagesordnung über und versuchen mich das zehnte Mal zu einem Eis zu überreden. Ich habe also nicht das Gefühl, es würde sie emotional erschüttern. Tatsächlich haben sie auch noch nicht erlebt, dass der Tod keineswegs nur Tiere treffen kann, sondern durchaus auch Menschen. Und erst recht wissen sie nicht, wie es ist, wenn der Tod Menschen trifft, die sie lieben. So erkläre ich mir ihre Unerschütterlichkeit.

Der zweite Punkt führte mich, abgesehen von der klaren Aufforderung ehrlich zu sein, zu einem anderen Aspekt. Denn ehrlich bin ich auch, wenn ich ihnen einfach erkläre, dass der Hammel, der gestern noch quicklebendig vor sich hin blökte, nun tot sei, damit wir Fleisch essen können. Das zieht nicht zwangsläufig nach sich, dass man die ganze Prozedere miterlebt.

Allerdings stellte sich mir schon immer die Frage, ob man Fleisch essen darf, wenn man es nicht erträgt, wie das Tier getötet wird. Entschuldigung, das hört sich für mich unehrlich an. Ich stelle mir vor, dass ich Fleisch liebe (und der Fleischkonsum ist in vielen Ländern überdurchschnittlich hoch), aber bitte nur schön zurecht geschnitten. Nichts erinnert mehr an das Blut, das geflossen ist und dass dieses Stück mal gelebt hat, süße Augen hatte und ein kuscheliges Fell. Ja, das ist grausam. Aber entweder stellt man sich den Tatsachen, dass Menschen so grausame Dinge tun, weil sie Fleisch essen wollen oder sie lassen das Fleisch essen bleiben. (Dieser Tod hat ja wenigstens einen Sinn. Wie grausam sind Menschen oft ohne Grund.) Und ich konnte nun entscheiden, ob meine Kinder Fleisch nur abgepackt und schön hergerichtet kennen oder sich dieser selbstverständlichen Logik bewusst sind. Und da merkte ich intuitiv: Ja, das wollte ich! Ich wollte kein Drumherumgerede, Schönreden, Ausweichen… Die einfache Realität, die keine Worte für Beschreibungen brauchte. Sie sahen es mit eigenen Augen.

Natürlich hatte ich Zweifel, ob ich nicht als Folge meinen Kindern Nächte voller Albträume verursache. Ich habe wie gesagt nie Ratgeber zu diesem Thema gelesen. Aber ich kenne meine Kinder und hoffte, dass meine Haltung sie beeinflussen würde. Wenn ich damit ruhig umgehe, mich nicht ekele, keine Angst habe, es als etwas Selbstverständliches ansehe, dann wird es sich übertragen. Ich konnte nicht hundertprozentig sicher sein, ob ich Recht haben würde. Ich hatte schließlich keinen Erziehungsratgeber gelesen. Aber ich vertraute meinem Bauchgefühl und meinen Kindern.

Und?

Bin froh, dass ich kein Alternativprogramm bot und sie alles unzensiert ansehen ließ. Es gab nicht so viele Fragen wie ich dachte. Ich denke, diese kommen noch. Und der erste Moment war für den Zweijährigen erschreckend. Aber ruhige Erklärungen, was da passierte, ließen seinen Schreck sofort verfliegen und machten seiner Neugier Platz.

Jetzt sitzen beide am Tisch und sagen ganz selbstverständlich zu dem Fleisch auf dem Teller: Da ist der Hammel. Und ich sehe den Zweijährigen, wie er mit einem Plastikmesser versucht, den Hals seines Kuscheltiers zu durchtrennen – also spielerisch das Gesehene durch Imitation zu verarbeiten (wie ich mir versuche, beruhigend zu sagen). Und war das mein Ziel, frage ich mich?

Nein, antworte ich mir. Und mir wird klar, was ich meinen Kindern damit vermitteln will. Mir wird klar, warum ich will, dass sie wissen, wie Tiere sterben müssen, weil man Fleisch essen will.

 WERTSCHÄTZUNG!

Ich will wertschätzende Kinder. Ich will keine Kinder, die sich Berge von Essen auf den Teller häufen, um es dann nach zwei Happen in den Müll zu schmeißen. Ich will keine Kinder, die Fischstäbchen essen oder Buletten, und denken, dass diese leckeren portionierten Sachen Gemüse sind. Ich will keine Kinder, die Lebewesen treten und mit Steinen bewerfen. Ich will, dass sie Respekt haben vor jedem Tropfen Wasser, jedem Lebewesen und jeder einzelnen Pflanze. Und dass sie dankbar sind, wenn all das dazu beiträgt, uns am Leben zu erhalten. Ich weiß nicht, ob ich ihnen diesen Wert erfolgreich vermitteln werde. Aber ich versuche mein Bestes.

Und ihr? Würdet ihr Kinder dabei zu sehen lassen oder nicht? Wie geht ihr mit dem Thema Tod um?

 

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2 Gedanken zu “Der Tod und die Kinder oder: Sollten Kinder beim Schlachten zusehen?

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