Plastic Planet ade

Die Marokkaner verabschiedeten sich von ihrer „mika“

Es gibt Dinge, die mir in meinem Antasten, Beschnuppern, Einleben in diesem Land wirklich im Wege stehen. Und es gibt Dinge, da gebe ich diesem Land ohne Einwände aus tiefstem Herzen mein Ja-Wort.

Die Wahlen waren zugegebenermaßen interessant anzuschauen und haben mich davon überzeugt, dass ich wirklich noch keine Ahnung habe, wie Politik und Gesellschaft ticken. Ich hatte das Gefühl, dass zwei Wochen vorher wahllos Wahlzettel auf die Straßen geschmissen wurden und Horden von Jugendlichen singend und tanzend mit Flyern durch die Straßen zogen. Ich habe keine Wahlreden, keine Diskussionen im Fernsehen oder ähnliches gesehen. Es hat sich meinem Verständnis völlig entzogen, wie Menschen hier eine Wahlentscheidung treffen. Aber sollte die Politik wirklich so völlig losgelöst vom marokkanischem Volk stattfinden, dann ist das traurig. Und vor zwei Monaten hätte ich gesagt: dann ist das traurig, Punkt. Heute sage ich: Aber! Aber so wurde am 1.07.2016 ein Gesetz umgesetzt, was wirklich sehr, sehr unbeliebt bei den Menschen ist, aber so notwendig. Das Verbot der Plastiktüten!

Ich hatte vor dem ersten Juli davon gehört und sah bei allen nur ein müdes Abwinken. Niemand glaubte an die Durchsetzung. Alle belächelten die Absicht. Und dann kam der Juli und es war da, das Verbot. Es waren die letzten Tage des Ramadan und daher fiel es niemandem so richtig auf. Die meisten konzentrierten sich auf die letzten Tage des Ramadan, an dem noch einmal richtig Gas gegeben wird bei Gebet, Koranrezitation, guten Werken, spirituellem eben. Um den Schlafmangel, der unweigerlich einsetzt, wenn man sich dem Spirituellen in all seinen Facetten widmet, musste man sich dann nicht mehr sorgen, da nach ein paar Tagen alles vorbei sein sollte. Nach dem Ramadan gibt es im Regelfall wieder regelmäßig Essen und Trinken und auch die Besucherzahlen der Moscheen nehmen wieder drastisch ab.

Das, was an Energie noch übrig ist beim Fasten, geht im letzten Ramadandrittel für das Shoppen drauf. Für das Fest müssen neue Kleider her und wenn möglich noch viele, viele Leckereien. Egal, was in der Zeit politisch passiert, es wird wenigen auffallen. Vielleicht also kein Zufall, diesen Zeitpunkt zu wählen. Ich fuhr direkt nach dem Ramadan nach Deutschland und auch viele andere werden die Ferien für Urlaub auf dem Lande oder im Ausland genutzt haben. Wir bekamen erst einmal gar nichts mit. Den hier gebliebenen Rest erwischte es kalt: die heißgeliebten Plastiktüten waren nicht mehr.

Dabei trifft es vor allem kleinere Tüten, die gerne im Hanut (Tante Emma Laden) oder für das Gemüse auf dem Markt verwendet wurden. Robuste Plastiktaschen mit Emblem des Ladens oder einer Marke sind immer noch üblich. Aber die anderen kleinen, dünnen Tüten waren eine Krankheit. Und diese Krankheit überschwemmte das Land, füllte ohne Unterlass die Mülltonnen, flog auf Straßen einsam hin und her, und vergrub Marokko in einem Müllberg. Auch jetzt noch versinkt dieses Land im Müll, aber es ist schon so viel besser geworden. Und…es ist auch für die Meere ein Unterschied, ob wir uns hier mit Gemüseabfällen und Schrott zuschütten oder zusätzlich mit Plastiktüten. Diese Maßnahme wäre sicherlich nicht notwendig gewesen, wenn eine Umweltschutzkampagne Sinn gemacht hätte, aber die Tütenliebe der Marokkaner ist resistent gegen jedwede Vernunft. Jeder wollte für alles, überall eine Plastiktüte. Und wenn es für einen Kugelschreiber war. Immer hieß es: Atainy mika (Gib mir eine Tüte.). Ich konnte es nicht mehr hören. Ich fragte mich nach einem Jahr nicht mehr wofür? Wofür bitte diese Tüte, die dann zu den tausend anderen zuhause in die Schublade für schlechte Zeiten wanderte oder in den Mülleimer. Ich hatte das Fragen aufgeben.

Ich brauchte früher genug Energie, mich gegen diese Eigenart zu stemmen, beim Einkaufen die Blicke zu ignorieren, die auf mich gerichtet waren, wenn ich mit meinem geliebten Bastkorb oder Stoffbeutel unterwegs war. Diese Blicke sagten: Schon wieder diese Irre. Warum sagt sie nicht einfach: Atainy mika! Ein bisschen Anpassung bitte. Ist doch nicht so schwer. Aber ich hasse Plastik. Ich will keine „mika“. Nicht für mein Gemüse, meine Bücher, für gar nichts. Am liebsten auch nicht im Kinderzimmer.Aber diesen Schritt habe ich noch nicht gewagt: Offizielle Plastikabstinenz im Kinderzimmer. Das würde bedeuten, unseren Tischler von nebenan wirklich mit meinen ganzen Spielzeugideen zu beauftragen und seinen restlichen Kundenverkehr lahm zu legen. Das würde heißen, nun endlich dem ganzen chinesischen Spielzeugschrott den Kampf anzusagen und das auch in der Familie durchzusetzen. Und das würde wahrscheinlich heißen, meinen für Marokkaner bewiesenen Wahnsinn komplett zu machen.

Jetzt, nach meiner Rückkehr nach Marokko, habe ich Energiereserven frei. Inzwischen bin ich nicht mehr die einzige, die mit Stoffbeuteln unterwegs ist. Alle haben jetzt einen. Und man sieht, wie sich die Menschen, trotz des großen Protests und Widerstands gegen das Verbot, innerhalb weniger Tage angepasst hatten. Entweder man bekommt Papiertüten wie für Gebäck oder Brot oder es gibt an wirklich jeder Ecke nun Stoffbeutel zu kaufen. Klar, wenn man sich nicht ständig neue Stoffbeutel kaufen möchte, dann sollte man daran denken, einen mitzunehmen. Aber ansonsten doch kein großartiger Mehraufwand und was für eine Erleichterung für Umwelt und Natur! Aber das werden viele erst sehr viel später verstehen. Lieber König dieses Landes, ich liebe Dich dafür.

 

 

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2 Gedanken zu “Plastic Planet ade

    • Hallo Vivien,

      wie gesagt, es gibt sie hier auch noch in dem ein oder anderen Falle. Aber es ist viel, viel weniger geworden. Ich bin gespannt, was sich weiterhin im Bereich Umweltschutz tut.

      Liebe Grüße

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