Schule? – Nein, danke.

Chinas Kinder sind gestresst, überlastet, selbstmordgefährdet. Das ist bekannt. Kinder in Marokko müssten es auch sein. Warum lest ihr hier.

Kinder gehen in Marokko brav zur Schule. Ab 2,5 – 3 Jahren ist es auf fast jeder Schule möglich. Zweimal am Tag. Von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr und nach der Mittagspause  von 14.15 Uhr bis 17.15 Uhr, an staatlichen Schulen sogar sechs Tage die Woche. In den Schulen sitzen auch Vorschulkinder fast die ganze Zeit auf ihren Plätzen, rufen, nein schreien im Chor die Sätze und Wörter, lernen auswendig,  schreiben und malen die Buchstaben, Zahlen, Zeichnungen. Sicher, es gibt bei den Kleinsten auch Basteln oder Spielen. Aber auch das meistens lernorientiert. Sie haben sieben Hefte, drei davon trägt meine Tochter täglich hin und her. Mit 4 Jahren. Ihr Rucksack ist fast so groß wie sie selbst. Es gibt Kinder, die 2,5 Jahre alt sind. Dann ist er größer.

Bei diesem Schulpensum, an das sich noch Zeit für Hausaufgaben anschließt, muss ich schlucken. Aber halt. Da geht noch was. Marokkanische Kinder sind dann außerdem dreimal die Woche nach der Schule zum Sport und Mittwochnachmittags (der in den meisten Schulen schulfrei ist) sowie samstags oder sonntags in der Moschee zum Koranlernen. Wenn das keine Effektivität ist, dann weiß ich auch nicht.

Manche Eltern sitzen mit ihren Kindern, immerhin nicht mehr in der Vorschule, bis 22 Uhr abends mit den Hausaufgaben. Manchmal Aufgaben wie eine Seite Text abschreiben. Oder auch von heute auf morgen ein Gedicht lernen. Auch was Feines.

Ich frage mich dabei ehrlich, wieso bei diesem enormen Zeitumfang, die man in der Schule verbringt, nicht ständig total gebildete Menschen, oder ich sollte sagen, informierte Menschen, mit mir reden. Bildung definiert de facto jeder anders, auch in Deutschland. So auch scheinbar in diesem Falle.

Aber versteht mich nicht falsch. Ich schimpfe nicht darüber, weil ich als Europäer die Welt verstehe, und den armen Marocs beibringen will, wie das mit der Bildung richtig funktioniert. Dafür gibt es Entwicklungshilfe. (Achtung! Ironie) Mir tun die Kinder leid.

Die Eltern bleiben auf Distanz

Und es macht mich misstrauisch. Besonders da ich so wenig Einblick habe. Ich dachte, meine anfänglichen Schwierigkeiten (die ich in Versuch einer Integration II beschrieben habe) seien eben anfängliche Schwierigkeiten. Elternarbeit heißt hier, dass ich Zettel im Rucksack finde. Ich wusste bis vor einer Woche nicht einmal, wie die zwei Lehrerinnen meiner Tochter aussehen. (Nur dass eine ihre Freundin ist und die andere zum Mond geschossen werden sollte.)

Ich bringe meine Tochter selbst morgens zur Schule und übergebe sie dort einer Betreuerin, die sie dann zum Raum bringt. Nie betreten Eltern das Gebäude, es sei denn, sie wollen explizit mit der Direktorin oder den Lehrern reden. Die Eingangstür ist mit einem Summer versehen. Willst Du hinein, dann musst Du klingeln. Das ist hauptsächlich gut. Warum?

Unbekannte werden die Schule nicht betreten. Aber auch ich werde die Schule nicht betreten. Ab und zu schummele ich mich hinein, für einen kleinen Einblick.

Aufschlussreicher sind spontane Gespräche. Will ich mit den Lehrern reden, dann wird mir über meine Tochter berichtet. Oft will ich aber gar nicht über sie reden. Weil es mir nämlich egal ist, wie viel sie lernt, ob sie schön schreibt oder nicht. Sie ist 4. Sie soll nicht mit 10 Jahren studieren. Wichtig ist mir, dass sie unter Kindern ist und dass sie dort Input hat. Und worüber ich mit ihnen stattdessen reden will: Schreit ihr die Kinder an? Wie viele Kinder sind in der Klasse? Wie abwechslungsreich ist euer Unterricht? Was macht ihr  mit ihnen?

Schläge gibt es noch

Es gibt auch Eltern, denen das egal ist. Die fleißige und gehorsame Kinder möchten. Mehr nicht. Und die den Lehrern gegenüber betonen, dass ihre Kinder Schläge verdient haben. Hier übrigens kein Problem. Obwohl inzwischen gesetzlich verboten, ist körperliche Züchtigung in Schulen teilweise vorhanden. Mit einem Stock auf die Hand oder besonders fies auf die Fingerkuppen schlagen, mal eine kleine Ohrfeige zum Aufwärmen hier, eine kleine Kopfnuss da…. Gibt es alles noch.

Kein Wunder, dass die Lehrer mich wie einen Alien anschauen, wenn ich ausdrücklich keine Bestrafung, keinen Druck wünsche. Warum auch Druck? Hallo? Sie ist 4. Was soll das? Lasst doch mal die Kinder in Ruhe. Und wehe dem, der sie mal schlagen würde. Ich habe die Lehrerinnen vorgewarnt.

Und trotzdem frage ich mich:

Was sucht sie da? Ist es richtig, sie dorthin zu schicken?

Glaubt mir, ich habe sogar schon Homeschooling in Erwägung gezogen. Aber so gut ist mein Arabisch nicht, und Freundinnen findet man zuhause ebenfalls nicht. Und für mich hieße das Abschied nehmen, von der Hoffnung, eines Tages zu arbeiten. Keine Lösung. Jedenfalls nicht für mich.

Und so sage ich mir, dass es in Marokko genau so läuft, ob ich will oder nicht. Dass ich einfach Kita-verwöhnt bin. Dass alle Kinder in Marokko zur Schule gehen ohne Schaden zu nehmen. Dass Kinder scheinbar sehr anpassungsfähig sind. Dass sie Dinge lernen, die ich mir nicht habe träumen lassen. Dass es meine Aufgabe ist, ihr in der restlichen Zeit das zu geben, was in der Schule nicht geboten wird. Dass unsere Schule nicht die schlechteste ist. Aber dass es auch bessere gibt. Und vor allem, dass ich sie finden werde, die besseren Schulen.

 

Wie steht ihr zum Thema Schule? Und hattet ihr schon Schwierigkeiten, warm zu werden mit dem Schulsystem vor Ort? Schreibt mir, ich freue mich mehr zu hören!

 

 

 

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2 Gedanken zu “Schule? – Nein, danke.

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