„Das ist doch nichts für Jungs!“ – Von wegen!

 Gestern hat es mich umgehauen. Gestern sagte ich zu mir: Es reicht! Seit gestern finde ich, dass ich etwas ändern muss.

Was ist passiert?

Ich stehe in der Küche und rede mit meinem Sohn. Ich erkläre ihm genau das, was ich vor fünf Minuten meiner Tochter erklärt habe. Nämlich dass die beiden auch aufräumen sollen, weil auch sie hier wohnen. Die beiden sind noch nicht allzu groß (5 und 2,5 Jahre alt), meine Erwartungen halten sich also in Grenzen. Es ging gestern darum, dass sie ihr Spielzeug, was schön regelmäßig in der Wohnung verteilt war, aufräumen mussten. Also machbar auch für kleine Wichte.

Wisst ihr, was mir mein Sohn sagte? Mit Unschuldsmiene fragte er: „Auch Jungs?“ Ich bekam Schnappatmung und antwortete dennoch ruhig: „Ja, auch Jungs, sogar wenn sie so klein sind wie du.“ Daraufhin er: „Auch Mädchen?“ Ich natürlich: „Auch Mädchen.“

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Kinder sind wie Peilsender

Seine letzte Frage hat mich etwas erleichtert. So hatte ich das Gefühl, dass die Klarheit seiner ersten Frage nicht eine unumstößlichen Gewissheit ausdrückt. Hätte ich keine Kinder, würde ich sagen: Wie unumstößlich kann eine kindliche Gewissheit schon sein? Was soll dieser 2,5-Jährige schon wissen? Aber seit ich Kinder habe, weiß ich, dass Kinder alles checken. Sie sind wie kleine Peilsender, die alles verorten, vermessen und ausloten. Jede Angst, jedes Glück, jeden Ärger, jede Unsicherheit, jede Inkonsequenz. Sie verorten sogar Gefühle, deren ich mir selbst noch nicht bewusst bin.

Darum habe ich es mir abgewöhnt, Ärger zu unterdrücken. Meine Tochter fragt mich ja doch: Mama, warum bist du wütend auf mich? Ich habe es mir abgewöhnt, Ausflüchte zu suchen. Später schmieren mir meine Kinder dann meine Lügen oder Ausreden aufs Brot und ich kann mich erstens nicht wehren und zweitens bin ich auch noch ein schlechtes Vorbild. Ich sage also die Wahrheit, auch wenn ich sie kindgerecht verpacken muss. Vielleicht erzähle ich nicht immer alles, um es einfacher zu machen.

Ich finde es blöd, Kinder mit Süßigkeiten zu trösten oder ihnen falsche Tatsachen vor zu gaukeln. Wir Eltern machen uns damit das Leben leichter. Aber zu welchem Preis? Ich erlebe jeden Tag, dass Ehrlichkeit und Klarheit das Beste und das Wertvollste ist. Damit können sie umgehen, sich darauf verlassen und darauf aufbauen. Es ist aber auch aufreibender. Soviel ist klar.

Kinder lieben unangenehme Themen

Am Schwersten ist die Ehrlichkeit bei unangenehmen Themen wie der Tod. Mit dem Schlachten habe ich mich langsam an das Thema herangepirscht. Die kindliche Neugier wurde jetzt geweckt. Bei dem Thema habe ich sie also geweckt. Ich war darauf vorbereitet. Und dann gibt es unangenehme Themen, die sie dir vor die Nase halten. Die sie natürlich von dir erklärt haben wollen. Und du hast es nicht kommen sehen. Wie gestern in der Küche.

Am Opferfest habe ich voller Bewunderung beobachtet, wie Kinder lernen: stilles beobachten, anfassen, Verständnisfragen stellen, Schlüsse ziehen. Warum bin ich immer noch so überrascht über die Klarheit ihrer Schlüsse? Erstens kann ich immer nicht glauben, dass jemand so komplexe Dinge so einfach ausdrücken kann. Zweitens scheine ich sie gnadenlos zu unterschätzen. Das sollte mir nicht mehr passieren. Spätestens seit gestern nicht mehr.

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Auch hier hat mein 2,5-jähriger in zwei einfachen Worten eine Problematik ausdrückt, die mich seit Jahren beschäftigt. Die ich hinterfrage, abwäge, beobachte, beurteile, verhandele. Ich mit großem intellektuellen und emotionalem Aufwand. Er abgeklärt und völlig neutral in einem Zwei-Wort-Satz. Dafür liebe ich sie, diese Unruhestifter.

Worum geht es nun eigentlich?

Es geht um Rollenbilder. Wenn das nicht eines der elementarsten Fragen eines Kindes ist, dann weiß ich auch nicht. Und solange wir in Deutschland waren, machte ich mir keine Gedanken um die Vorbilder, die unsere Kinder in ihren jungen Jahren umgaben. Die Paare und Familien hatten alle einen ganz unterschiedlichen Lebensentwurf. Und das fand ich wichtig. Bei uns sehen die Kinder das Modell: Vater arbeitet – Mama zuhause. Das soll nicht so bleiben, aber so ist es gerade. In Deutschland gab es auch genügend arbeitende Frauen um uns herum, um gar nicht die Meinung aufkommen zu lassen, diese Konstellation wäre das einzig Richtige. Ich finde alles okay, solange die Menschen damit glücklich sind.

Anderes Lebensumfeld – anderes Rollenbild

Aber …. In Marokko ist unser Umfeld anders. Hier sind wir umgeben von der Aufgabenverteilung, die unsere Familie auch hat. Es gibt arbeitende Frauen, den Hausmann wohl eher weniger. Aber meine Kinder sehen sie nicht. Was sie in unserem Umfeld sehen, ist, dass die Männer arbeiten und die Frauen kochen. Sie sehen. dass Männer oft keinen Handschlag machen müssen, wenn es nicht um Elektronik geht. Für mich ist auch gewöhnungsbedürftig, dass Männer tatsächlich bedient werden. Manche stehen nicht einmal auf, um sich ein Glas zu holen. Sie müssen es nicht. Manche machen es trotzdem. Aber die Frauen fordern es nicht ein, dass auch der Mann den Besteckkasten oder das Geschirr in der Küche finden wird. Aber das Fatale für unsere Erziehung ist die Bezeichnung von „männlichen und weiblichen Aufgaben“.

Kinder helfen gerne. In jungem Alter zumindest. Besonders gerne in der Küche oder beim Putzen. Die Verlockung, selber mit den Händen zu kneten und zu mantschen oder mit Wasser zu spielen, ist groß. Leider heißt es dann von Anderen zu meinem Sohn: Bist Du ein Mädchen? Oder zu meiner Tochter beim Fußballspielen: Bist du ein Junge? Ich schmettere diese Einwände ab, aber die Vehemenz mit der diese Vorstellung wiederholt wird, scheint das Übrige zu tun. Ich hatte gehofft, die Kinder  überhören das. Aber wie spannend muss es für sie sein, dass sich Erwachsene scheinbar uneinig sind?! Ich hatte gehofft, dass die einflussreichsten Personen in ihrem Leben noch wir Eltern sind und damit unsere Sicht der Welt auch ihre ist.

Bis gestern. Gestern habe ich endlich begriffen, dass es nicht spurlos an ihnen vorübergeht, wenn sie ihre Großeltern fast tagtäglich sehen. Was heißt sehen? Erleben! Und sie sehen uns. Auch wir leben in Widersprüchen. Gestern habe ich verstanden, dass sie alles wahrnehmen. Alle Optionen, alle Realitäten, alle Widersprüche und Brüche. Und dass sie hinterfragen. Auch uns hinterfragen.

So hallte sein „Auch Jungs?“ und „Auch Mädchen?“ in meinem Kopf wider. Bohrte sich in meine Ohren. Erforschte meine Erinnerungen: Wie lange ist es her, dass mein Mann Mittag kochte? Wen sehen sie wischen oder fegen? Wer geht zum Spielplatz und zum Arzt? Wer macht das Schlafritual, wer kümmert sich um das kranke Kind? Wer geht einkaufen und wer schreibt die Behördenbriefe?

Was wird bleiben? Was werden sie glauben? Das, was sie sehen oder das, was wir erzählen?

Schreibt mir, wie ihr es macht! Seid ihr zufrieden, wie es ist?

Ein super Comic zu dem Thema, der auch noch viel weiter geht, findet ihr hier: https://english.emmaclit.com/2017/05/20/you-shouldve-asked/

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