Das Schuldrama hat ein Ende

Befreit

Ich bin glücklich und fühle  mich frei wie schon lange nicht mehr. Ich möchte singen, hüpfen, die Welt umarmen. Ich würde es tun, wenn mich nicht gerade der Husten schüttelt. Und der Grund ist nicht ein neuer Job, eine kleine Datsche in der Pampa oder hunderte Likes für einen Artikel. Der Grund ist eine Schule. Dass Schule so etwas kann hätte ich nie für möglich gehalten. So einfach kann die Welt sein.

Was wir taten

Wir haben uns lange gequält und doch nicht zueinander gefunden, unsere Ex-Schule und ich. Ich habe wirklich guten Willen gehabt, meine Tochter jeden Morgen aufs Neue motiviert, die Lehrer soweit als möglich in Schutz genommen, ihr Verhalten erklärt. Wir haben Wege gesucht, das, was fehlt, aufzufangen oder das, was zu viel getan wurde, aus zu bügeln. Ihr Halt und Sicherheit zu geben. Ihr das Gefühl zu geben, dass sie mit allem zu uns kommen kann.

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Und trotzdem hat sie mich überrascht.

Wir sind alles durchgegangen am letzten Ferientag. Die Welt schien heil und in Ordnung. „Ja Mama, morgen ist wieder Schule. Da sehe ich meine Freundinnen wieder. Ja, ich weiß. Wir müssen morgen früh aufstehen. Ich freue mich auf la maitresse“ (die Französischlehrerin). Und so weiter und so fort. Und dann kam alles anders.

Ihre Reaktion

Meine Tochter verkriecht sich in der hintersten Ecke und weigert sich nicht einfach. Nein, sie weint. Sie weint, weil sie Angst hat. Und das sagt sie auch. Sie sagt nicht: Ich mag die Schule nicht. Ich mag die Lehrerin nicht. Ich will nicht zur Schule. Sie sagt einfach: Mama, ich habe Angst. Und das immer und immer wieder.

In mir wird alles los getreten: Beschützerinstinkt, Mitleid, Sorge, Traurigkeit, Wut auf die Lehrer. Und ich fühle etwas, was nicht sein darf. Ohnmacht. Etwas, was ich mir nicht erlauben will. Besonders nicht hier in einer neuen Umgebung, beim Eingewöhnen in ein neues Leben. Wie gerne will ich als Mutter immer alle Antworten haben, immer Orientierung geben und zwischen richtig und falsch entscheiden. Es gibt aber diese Momente, die einfach nur ratlos machen und mutlos. Momente, in denen ich die richtige Antwort nicht kenne. In denen ich einfach meine Verantwortung abgeben möchte.

Meine Konsequenz daraus

In diesem Durcheinander spüre ich eins. Ich stelle mich vor mein Kind. Ich denke nicht an Konsequenzen oder Widerstand. Ich bin auch nicht mehr kompromissbereit oder diskutiere nicht  mehr mit meinem Mann, mit der Schule, mit irgendwem. Ich weiß einfach, das war´s. Selten war ich so klar in  meiner Position wie in dem Moment.

Noch am selben Tag habe ich mir eine andere Schule mit ihr zusammen angeschaut. Eine, bei der ich ein gutes Gefühl hatte. Und ich glaube immer noch, wir haben jetzt die richtige Wahl getroffen. Weniger Druck, 15 Kinder in der Gruppe, viele außerschulische Aktivitäten, Platz zum Spielen, Zeit für Bewegung. Die Erfahrungen anderer Eltern können manchmal Aufschluss geben, aber in unserem Falle war es ein Griff daneben.

Hoffentlich der letzte vorerst.

Schuldfragen

Aber ich will fair sein. Die Lehrer sind nicht schuld. Nicht alle. Auch wenn sie es sind, die schreien oder Schläge verteilen. Sie müssen oft zu viele Kinder in kleinen Räumen unterrichten. Es gibt wenig Platz und zu wenig Geld für schönes Material. Und in den Pausen?

Am Tisch sitzen, Brote essen, trinken, weiter geht´s. Kein Rennen, kein Spielen, kein Toben. Was passiert? Natürlich ist irgendwann der Teufel los, die Kinder drehen auf, brauchen ein Ventil. Und die Lehrer müssen klarkommen.

Und die Eltern?

Ermutigen Schläge in der Schule. Die meisten geben ihnen explizit die Erlaubnis, Schläge einzusetzen, falls die Kinder nicht spuren. Die Lehrer führen das fort, was die Kinder von zuhause kennen. Manche schicken ihre Kinder auch mit hohem Fieber, um sie aus dem Haus zu haben. Und sie gehen zur Elternsprechstunden, um die Leistungen der Kinder zu prüfen.

Also legen sich die Kinder eine dicke Haut zu. Müssen sie. Meine Tochter konnte das nicht. Gott sei Dank. Und ich frage mich, wie viele andere Kinder daran zerbrechen.

 

 

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