Vom kreativen Autofahren und anderen Besonderheiten

Der Kampf um die Vorherrschaft im Straßenverkehr

Könnt ihr Euch erinnern an den ersten Tag in einer neuen Stadt? Das erste Mal fahrt ihr in die Stadt rein und schaut Euch um. Was dachtet ihr? Wisst ihr es noch?

Ich weiß es noch bis heute. Das erste Mal in Casa schoss mir durch den Kopf: Wie kann man nur hier leben? Stau, Gehupe, eine Straße gleicht der nächsten. Ein Haus reiht sich an das andere, überall dieselben hanuts des täglichen Bedarf, Boulangerie (Bäcker), Imbissbuden, Werkstätten, Straßenhändler. Kein Grün entspannt das Auge und keine Minute entspannt sich das Ohr. Ich fühlte mich orientierungsloser als irgendwo. Und ich kannte immerhin schon Dhaka.

Früher, als „Touristin“ war ich nur Beifahrerin im Auto unterwegs. Ich konnte mich im Sitz zurück lehnen. Die Lautstärke war anstrengend, aber ich konnte mich rausziehen aus dem Geschehen. Das war damals. Jetzt ist nichts mehr mit Rausziehen. Jetzt stecke ich mittendrin. Immer. Entweder als Autofahrerin, als Taxifahrgast, oder als Fußgängerin. Ich weiß nicht, was besser ist. Und … ich möchte es nicht mehr missen. Das Gewusel ist inzwischen mein Farbklecks im Alltag.

„Gemütlich“ zu Fuß

Zu Fuß unterwegs nimmt etwas Tempo. Aber weit kommen wir nicht und die Sinne stehen immer auf Alarm. Logisch. Egal ob schmal oder breit, stark befahren oder ruhig. Die Fußgänger latschen auf der Straße. Meistens zurückhaltend an der Seite, manche dominant mittig. Keine Angst zeigend, selbst wenn ein Fahrzeug mit 80 Sachen auf sie zukommt. Ich habe es früher nie verstanden. Da war ich auch keiner. Selten lief ich durch das Viertel. Warum auch? Als Urlauber fuhr ich an den Strand oder in die Berge oder in den meisten der Fälle Familie besuchen. Da ging ich selten durch die Straßen, auch wenn ich Lust dazu hatte. Damaaaaals hätte man mir gleich eine ganze Traube Bodyguards an die Seite gestellt. Und das Viertel entdecken mit 20 Leuten im Schlepptau, dazu hatte ich noch weniger Lust als auf Zuhause bleiben.

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Jetzt bin ich nur zu Fuß unterwegs. Und ich verstehe so einiges. Die Bürgersteige gleichen einem Grabenfeld. Löcher, Stolpersteine und jedes Wohnhaus trennt seinen Fußweg mit einer ganz eigenen Fußweghöhe vom Nachbarhaus. Hans guck in die Luft würde hier umkommen. Was machen also die meisten?

Auf der Straße laufen. Zwischen Gehweg und in erster, zweiter Reihe parkenden Autos passt niemand , also links an den parkenden Autos lang schlängeln. Da wachsen uns hinten noch irgendwann Augen, denn das ist manchmal ein lebensgefährliches Manöver, wenn die Autofahrer cm-breit an einem vorbei brettern.

Die Kinder sind besser immer an der Hand, und du hast einen immerwährenden Rundum-Such-Blick. Kommt ein Motorrad aus einer Seitengasse geschossen, was kommt von hinten, welche Fußgänger von vorn? Sind alle Kinder noch da? Fährt jemand bei Rot über die Straße und gibt nochmal richtig Gas?

Auf kleinen Seitenstraßen kann man sich etwas entspannen, aber nicht zu sehr in Sicherheit wiegen bitte. Wenn Autos kommen, dann richtig. Manche schmeißen sich auch mit 80 in die Kurve, komme was wolle von vorne. Und fußballspielende Kinder oder Hunde und Katzen sollten schnell sein, wenn es hinter der Ecke hupt.

Autofahren

Als Autofahrerin kann ich wenigstens nicht tot gefahren werden. Aber ich weiß nicht, ob ich das nicht vorziehe als jemanden zu Matsch zu fahren. Das ist nämlich die große Gefahr des Autofahrens!

Es gibt Straßen, da ist Autofahren entspannt. Zum Beispiel die Autobahn. Mit der komme ich allerdings selten dorthin, wo ich hin möchte. Ich möchte meistens weiter rein in die Stadt und nicht raus. Also muss ich mich ins Blechgewühl stürzen. Ebenfalls immer mit Rundum-Such-Blick. Man glaubt nicht, wie manche Leute Auto oder noch schlimmer Moped fahren. Moped fahren durch die wartenden Autos durch, überqueren Kreuzungen bei Rot, fahren in die falsche Richtung, sausen über den Bürgersteig. Diese Gruppe der Verkehrsteilnehmer sind unberechenbar und führen einen traurigen Rekord an: die meisten Todesopfer im Straßenverkehr.

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Abendverkehr in Marrakesch

Aber Autofahrer sind auch nicht ohne. Letzte Woche war es besonders abenteuerlich. Manche fuhren an einer Ampel an den wartenden Autos auf der Gegenfahrbahn links vorbei, um dann über die Kreuzung zu fahren. Bei Rot wohlgemerkt.

Klassiker sind ebenfalls Rechtsabbieger, die sich links einordnen oder umgekehrt. Leute, die dich beim rechts abbiegen rechts überholen. Autos, die sich langsam auf die Straße schieben, weil sie die Fahrbahn überqueren müssen und sich lieber die Kühlerhaube knutschen lassen als zu warten, bis einfach kein Auto mehr kommt und sie entspannt über die Straße fahren können. Autos, die rechts am Rand parken und aus dem Stand los düsen, ohne jemals in den Rückspiegel zu schauen. Blinken ist für einige ein Fremdwort. Entweder sie tun es, und biegen nicht ab oder lassen es, und du sitzt ihnen fast auf dem Heck drauf.

Kurz: Es ist schwer zu beschreiben, was hier los ist. Man muss es einfach erleben! Gehupe, Beschimpfe, Solidarität und unendliche Gelassenheit nebeneinander. In Casa erlebe ich echte Interaktion und eine Wahnsinns Improvisation im Straßenverkehr. Wer hätte gedacht, dass man kreativ Autofahren kann? Aber anders ist das hier nicht zu beschreiben. Lasst das Sightseeing sein und kurvt mit dem Taxi quer durch Casa! Da hat man Spaß wie schon lange nicht mehr.

Das meine ich ernst. Letztendlich vollführen die oben genannten Manöver nicht alle. Es gibt auch die Vorsichtigen, die Standardfahrer, die Höflichen, kurz….von jeder Sorte etwas dabei. Wenn man die Augen offen hält, vorne, an der Seite und hinten, und sich vor Mopeds und vor Taxis hütet, sollte nichts mehr schief gehen. Und hupen, hupen, hupen, was das Zeug hält. Die Hupe hat mich schon das ein oder andere Mal vor einem Unfall bewahrt. Mir macht das Autofahren jetzt endlich richtig Spaß.

Taxifahren

Wenn zu Fuß oder Autofahren mich dem Wahnsinn so nahe bringt, dann wird Taxifahren sicher der Himmel auf Erden sein, meint ihr? Ja, fast. Man muss nur den Kampf um das Taxi gewinnen, und der ist aufreibend. In den Abendstunden um das Abendgebet herum geradezu aussichtslos, wenn ich nicht alleine bin. Und das war ich bisher nie.

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weißes Taxi in Casablanca – Sammeltaxi

Die Taxis sind voll, die Stimmung gereizt und alle wollen nach Hause. Eine gute Strategie ist dabei, sich wenn möglich noch vor den ersten Stationen, wo irgendwie alle warten, zu positionieren. Das geht allerdings nicht überall. Meine häufigste Strategie ist, mich eine Stunde früher als alle anderen auf den Weg zu machen. Damaaaals, in Dublin, als ich mitten in der Nacht mit einer Freundin die letzte U-Bahn nach Hause verpasste, liefen wir einfach. Ich glaube drei Stunden. Es war einfach kein Ding. Wir hatten Zeit, wir hatten Beine, es war nichts zu befürchten auch bei menschenleeren Straßen. Das kann ich wegen Kind und Kegel nicht mehr bringen. Leider. Sonst sind es auch in Casa keine Wege, die man nicht auch zu Fuß schaffen würde in drei oder vier Stunden.

Auch wenn ich mit dem Verkehr da draußen, nicht mehr viel zu tun habe, sobald ich die Tür zuziehe, kann ich trotzdem nicht abschalten. Ich kontrolliere immer, wie er fährt. Manche fahren Umwege, damit es sich auch lohnt. Letztens hat mich einer schön rein gelegt. Ich bin zwischendurch kurz ausgestiegen, und bin dann mit dem Taxi weitergefahren. In der Zeit hat der Fahrer das Tacho hoch gestellt. Das ist mir erst aufgefallen, als wir eine Weile unterwegs waren. Ich kenne den Weg und den Preis und der auf dem Tacho war plötzlich doppelt so hoch. Da mir das jedoch nicht gleich bei der Abfahrt auffiel, konnte ich nichts machen. Ich hätte ihm nichts beweisen können. Also habe ich es gelassen.

Ich sage mir: Was soll´s? Einer von fünfen, der dich „abzocken“ will. Die Masche mit dem Tacho höher stellen war eine Premiere und große Ausnahme. Und es wird ausgeglichen durch diejenigen, die den Preis reduzieren oder ganz erlassen, weil der Fahrer es so toll findet, dass du dich mit dem Arabischsprechen versuchst. Und wenn mir der ein oder andere zu wenig Wechselgeld gibt, dann weil sie unter Druck stehen und ihr Pensum schaffen müssen. Das Taxi ist gemietet, und das gesamte Risiko für das Auto liegen bei ihnen. Der Besitzer gewinnt immer. Sie stehen damit ganz unten in der Nahrungskette. Wegen 1 DH sage ich daher nichts. Das kann ich verkraften. Die meisten sind freundlich, immer für einen Schnack zu haben und machen einfach ihre Arbeit. Finde ich also als Fortbewegungsmittel ebenfalls empfehlenswert.

 

Und? Lust bekommen, Casas Straßen zu entdecken? Dann werft euch hinein in das Gewusel! Als Taxigast, Autofahrer oder Fußgänger. Egal. Glaubt mir, ihr werdet es nicht so schnell wieder vergessen!

 

 

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