Visumsfragen

So, es ist soweit. Die Papiere sind zusammen und werden abgegeben. Und dann darf ich sie hoffentlich bald in den Händen halten, meine carte de séjour. So heißt das gute Stück, das für ausländische Mitbürger in Marokko ausgegeben wird und uns eine Aufenthaltserlaubnis bescheinigt. Und ich bin in guter Gesellschaft. Was für ein buntes Häufchen mit mir im Commissariat sitzt, wo sich das Büro der Einwanderungskontrolle befindet. Warum wird hier eigentlich nicht diskutiert, ob Marokko nun ein Einwanderungsland ist. Diese Art von Debatten kenne ich nur aus dem europäischen Raum.

Vielleicht wird Migration, das Leben mit Einwanderern und die Integration von eben diesen nicht diskutiert, weil das Nebeneinander von verschiedenen Sprachen und verschiedenen Traditionen schon immer Bestandteil der Gesellschaft war?! Niemand würde auf die Idee kommen, das Marokkanisch-Arabische als allgemeingültige Sprache durchzusetzen. Sehen wir einmal vom Französischen ab, das damals die Kolonialisten ins Land brachten, gibt es neben dem Arabischen eben auch ganz klar die verschiedenen Berbersprachen (mehr zu den Berbersprachen hier). Alles hat seine Daseinsberechtigung. Und obwohl manche Marokkaner tatsächlich Existenzängste kennen, habe ich noch nie in Marokko „Ausländer raus“ gehört. Ich denke, diese Art von Denke kennen sie einfach nicht. Wer kommen will, soll kommen. Ob er bleiben kann, entscheidet dann die Papierlage.

Die Anforderungen sind sehr unterschiedlich, je nach Visagrund. Die Familienzusammenführung, wie es so schön beamtisch heißt, gibt es auch in Marokko und scheint mir die unkomplizierteste von allen. ( Die anderen werde ich unter dem Menüpunkt Informationen demnächst mit gesammelten Anforderungen aufführen.) Und sie ist glücklicherweise nicht an Sprachkenntnisse gekoppelt wie in Deutschland. Das Risiko liegt hauptsächlich bei dem EhepartnerIn, eine Menge Papiere betreffen also ihn oder sie. Aber zurücklehnen sollte man sich nicht. Die wenigen Papiere, die die eigene Person betreffen, können es in sich haben. Für den Erstantrag braucht man ein Führungszeugnis. Gut, wenn man das schon vor der Einreise nach Marokko weiß, da die Post etwas Zeit in Anspruch nehmen kann. Bei Folgeanträgen wird dann das Führungszeugnis aus Marokko verlangt.

Bürokratie ist auch hier Bürokratie, aber trotz allem habe ich das Gefühl, alles ist locker. Ich hatte nie das Gefühl, komisch beäugt zu werden oder kontrolliert, wie der Abteilungsname (Einwanderungskontrolle) nahe legen würde. Mein Visum ist seit einer Woche abgelaufen. Seit einer Woche bin ich fast täglich da, um dies oder jenes zu klären. Aber wir hatten noch nicht alle Papiere zusammen. Und trotzdem… Kein Gezeter oder Machtkampf, kein Gezicke und keine Probleme. Daumen hoch für die Menschlichkeit hier bei unserer „Einwanderungskontrolle“.

Und was die Fortschrittlichkeit angeht, soll mir keiner mehr sagen, Marokko wäre ein Schwellenland. Wisst ihr wie ich mein Führungszeugnis in Marokko beantragt habe? Online. Das, was bisher in Deutschland nicht möglich ist, ist hier schon in Gange. Und die Bearbeitungsdauer hat mich umgehauen. Drei Tage. Ich war wirklich schwer begeistert und kann über Terminvergaben via Internet bei den Bürgerämtern oder eine vereinfachte Steuererklärung in Deutschland nur müde lächeln. Und im Vergleich zum Amtsgericht, wo das Vereinsregister oft angesiedelt ist, ist Marokko mehr als modern. Das Amtsgericht beantwortet und schreibt nicht einmal Emails, sondern erwartet Briefe oder Telefonate. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich habe das Gefühl, es wird hier einfach gemacht, was einfach geht. Und der Rest ist dann eben kompliziert. Okay, an manchen Tagen wünschte ich mir auch eine Online-Terminvergabe, wenn es wirklich wieder hoch hergeht am Schalter in einer Behörde. Aber letztendlich geht es auch ohne. Mit einfachem Nummernsystem zum Beispiel.

Ich bin zwar froh, dass ich die Rennerei hinter mir habe. Und ich freue mich auf den Moment, wo ich die Karte abholen darf. Es ist lächerlich, aber ich habe dann immer so ein feierliches Gefühl. Und ein Gefühl der Dankbarkeit. Und ich hänge dann dem Gedanken nach, dass eine Welt toll wäre, in der es keine Visas bräuchte. Eine Welt, in der alle Menschen einfach Erdenbürger wären, nicht aufgeteilt in arm und reich, getrennt in verschiedene Nationen, in wichtig und unwichtig. Ein schöner Traum.

 

 

 

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