Ursprüngliches Marokko – der Atlas

Bergeslust, Teil I

An was denkt ihr, wenn ihr Marokko hört? Nicht an Berge nehme ich an, es sei denn, ihr kennt Marokko schon. Der Witz ist, dass ein großer Teil aus Bergen besteht. Dem Atlas und dem Rifgebirge, um genau zu sein. Nur die wenigsten fahren hin. Aber genau das sollte man tun, wenn ihr ein ganz ursprüngliches Land sehen wollt.

Wir haben Glück und haben dort Verwandte, aber leider nur ein verlängertes Wochenende Zeit. Aber das war egal. Hauptsache raus aus der Stadt und rein in die Berge. (Wenn ihr lieber Strand mögt, dann ist eher dieser Artikel für euch.) Es ging es in den Atlas, in die Region um Igherm bei Tarroudant. Das ist in der „Nähe“ von Agadir, wenn man es in einer bekannteren Region lokalisieren will J Allerdings ohne Strand, Hotel, Straßen, Autos, Läden, alles, an was man sich gewöhnt hat. Ich freute mich auf frische Luft und Ruhe. Manchmal kommen mir die Großstädte wie ein großer Hühnerstall vor, in dem alle von einer Ecke zur anderen rennen, ihrer Beschäftigung nachgehend. Ich freute mich wie ein solches Huhn auf Freilauf.

Die Fahrt

Geplant war die Abfahrt im Morgengrauen, um nicht in der Mittagssonne unterwegs zu sein. Aber ich weiß nicht warum, unsere Sachen stehen nie da wo sie stehen sollten, und auch das Sandwichschmieren sollten wir perfektionieren. Es dauert einfach alles viel zu lange. Wir waren natürlich wieder einmal spät dran. Auch die Kinder, die eigentlich nur aus dem Bett ins Auto getragen werden und dann weiterschnarchen sollten, waren auch mit Knopfaugen plötzlich munter und forderten die ersten zwei Stunden volles Entertainment-Programm. Und das am frühen Morgen, ächz. Die Fahrt ab Casablanca dauert ohne Pausen ca. 7 Stunden. Pausen sind auch ohne Kinder echt ein Muss. So eine leckere Targin in einem der kleinen Straßenrestaurants unterwegs sollte drin sein. Herausforderung für den Autofahrer und die Mägen der Beifahrer sind die Serpentinen. Wer vorher um seine Reiseübelkeit weiß, sollte Tabletten einpacken. Mir geht es auf Reisen immer prächtig, es sei denn wir sind in Marokko in den Bergen unterwegs. Meine Tochter hat uns schon einmal das Auto mit ihrer Marke geschmückt. Diesmal leistete Pippi Langstrumpf ganze Ablenkungs-Arbeit und sie merkte gar nicht, dass ihr eigentlich schlecht werden sollte. Ein Hoch auf die kleine Schwedin.

Bergabfahrt_FotorBäume und Piste_Fotor

Weitere Herausforderungen folgen, wenn einem schon nicht übel geworden ist. Die richtige Piste (das sind tatsächlich keine richtigen Straßen mehr und werden von den Marokkanern selbst so genannt) zu finden zum Beispiel. Irgendwann gibt es nämlich keine oder kaum noch Schilder. Wir standen an einer Abzweigung 20 min. in denen wir versuchten, Vater, Mutter, Onkel oder irgendjemanden zu erreichen und uns zu vergewissern, dass es hier wirklich rechts herum geht. Auf ortskundige Passanten sollte man lieber nicht warten, da steht man unter Umständen nach drei Tagen immer noch dort. Denn ja, man sollte kaum glauben, dass es solche Orte gibt, da oben ist es einsam. Da hörten wir wirklich nur den Wind pfeifen.  Hat  man sehr Pech, dann hat man keinen Empfang.  Am besten ist es also sich auszukennen, was auf meinen Begleiter zwar zutraf, er seinen Ortkenntnissen nicht wirklich traute. Was ich verstehen kann, wenn der einzige Unterschied zwischen den Hügeln, auf die die Piste sich zubewegt, die Anzahl der Mandelbäume ist. Und wenn man seinen Irrtum zu spät bemerkt, ist wenden ein echtes Meisterwerk. Obwohl wir ein pistentaugliches Auto hatten, fuhren wir nur etwa 50 km/h. Ich weiß gar nicht mehr, wie das vor Jahren unser Kombi überstanden hat.

Häusle_Fotor

Ausgerüstet wie die „Profis“

Auf der Fahrt in die Berge lohnt es sich vielseitig einzupacken. Wir waren nur 2,5 Tage dort und brauchten an einem Tag Fließjacken und lange Hosen und am anderen sind die Kinder in Shorts und T-Shirt herumgelaufen. Trotz Hitze tagsüber kann es auch nachts immer kalt werden, also lohnen sich Jacken und dicke Strümpfe. Da wir total heiß auf Klettern waren, war klar, dass Sandalen zuhause blieben und Turnschuhe unsere Wahl waren. Am letzten Morgen sind wir doch mit Sandalen rumgekraxelt, wie viele andere Kinder dort auch aus dem einfachen Grund, dass sie keine besseren Schuhe haben.

 

An den zwei Tagen haben wir quasi nur an der Oberfläche gekratzt, Familie besucht und die Gegend erkundet. Wir haben einfach die Zeit genossen, gekocht, sind spazieren „gegangen“. Wir haben Mandeln entkernt, Brot gebacken, mit der Familie viel zu süßen Tee getrunken. Wir sind geklettert, haben über die verschiedenen Pflanzen gestaunt, die auf diesem steinigen, trockenen Boden tatsächlich wachsen. Zu allererst natürlich auf etwas niedriger Höhe als das Dorf die vielen Arganbäume, die nur in Marokko wachsen und dessen Früchte erst von der harten Schale entfernt und dann durch Handarbeit zu Öl gepresst werden. Ziegen mögen die Blätter besonders gerne und klettern auf die Bäume als wäre es gar nichts. Es ist für Ziegen hier auch das Normalste der Welt, aber ich reibe mir jedes Mal die Augen beim Anblick von Ziegen auf einem Baum.

Brotbacken_FotorMandelkloppen_Fotor

Essen

Zwischen all dem Staunen und Erleben gab es immer wieder das leckere Essen, das bei der frischen Luft besonders gut schmeckte. Es gab ganz typisch gleich nach dem Aufwachen erst einmal eine Getreidesuppe, dann gegen 10 Uhr Kaffee und Brot mit Olivenöl und Amloh (Mandelmus). Nach dem Mittagsgebet um ca. 14.30 Uhr gab es Mittagessen, gegen 20 Uhr casse-croute und um 22.30h das Abendessen. Letzteres fiel für die Kinder und mich aus. Obwohl der Tag für alle länger war, weil wir die Natur bis zum letzten Licht genossen haben, fielen uns, sobald wir in der Horizontalen lagen, die Augen zu. Ein Brot reichte uns. Es musste kein Fleisch mit Gemüse mehr sein.

DSC_0696_Fotor

Außer der Getreidesuppe, dem Olivenöl, Amloh und dem süßen Tee ist unser üppige Essen nicht typisch für das Leben dort. Ich werde über die Region und die Menschen dort gesondert schreiben. Aber so viel sei gesagt: Die Menschen leben ein sehr einfaches Leben. Die meisten haben kein Auto und laufen zu Fuß oder sind mit dem Esel unterwegs. Dort versorgen sich die Menschen größtenteils selbst. Wenn möglich, haben sie eine Kuh und Hühner und die meisten haben etwas Land, um Getreide anzubauen. Es ist ein beschwerliches und einfaches Leben. Eines, das man auch an zwei Tagen nicht ganz begreifen kann, auch wenn man es mit eigenen Augen sieht. Den Versuch, es in Worte zu fassen, startet demnächst.  Wer nicht solange warten will, schaut sich diese schöne Doku über das Leben der Frauen in einem Berberdorf im Mittleren Atlas an.

Aber was jetzt schon klar ist: Kinder sind die besseren Reisenden. Ihnen ist egal, ob die Unterkunft Sterne hat oder sie auf dem Boden schlafen, ob sie üppig Frühstücken mit Milch oder einfach Brot essen. Was zählt ist das Erlebnis. Und ich bin glücklich, das mit ihnen geteilt zu haben.

 

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Ein Gedanke zu “Ursprüngliches Marokko – der Atlas

  1. Pingback: Marokko mit Kindern entdecken – Al Jadida | marokkomittenmang

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