Pläne und was davon übrig bleibt

Geht man ins Ausland, bereitet man vieles vor. Manche lösen die Wohnung auf, manche vermieten sie. Persönliche Dinge werden gepackt, man muss sich entscheiden zwischen Wichtigem (kommt mit) und Unwichtigem (bleibt da). Allein das dauert ewig. Papierkram wird erledigt, die Ankunft im anderen Land vorbereitet. (Viele Infos zu den organisatorischen Dingen erhält man bei den tollen Expatmamas)

Manche Dinge kann man nicht vorbereiten. Den Neuanfang muss jeder durchstehen. Sprache lernen, Umgebung erkunden, neue Freunde finden, die Kinder beim Einstieg unterstützen, Heimweh überwinden, Kontakt ins alte Leben behalten. All das ist schon ein Vollzeitjob. Okay, läuft das alles einigermaßen, dann könnte ich mich jetzt mal umschauen nach einem Job. Dachte ich mir. Das war schon vor einem Jahr. Da stellte sich mir die Betreuungsfrage.  Im Kopf hatte ich folgendes Bild: Kleinkind spielt selig mit sechs anderen Kleinkindern in einer schönen Spielecke. Die Erzieherin kommt irgendwann dazu und macht mit ihnen einen Singkreis. Irgendwann gehen sie gemeinsam auf den Spielplatz. Dass die Betreuung auf marokkanisch etwas anders aussieht, habt ihr schon gelesen ( Das Schuldrama hat ein Ende ).Dass es nicht immer einfach zu vereinbaren ist mit den eigenen Jobwünschen auch (Familie und Beruf in Marokko – geht das?).

Nun stürzt man sich wie wild auf die To Do-Liste, um endlich mal seiner Vorstellung vom eigenen Leben im neuen Land etwas näher zu kommen. Und dann kommen da unfreundliche Stimmen, die Dinge sagen wie: “ Was machst Du eigentlich die ganze Zeit? Warum bist du immernoch nicht weiter?“ Wertung über Wertung und Vergleiche über Vergleiche. Wo kommen eigentlich diese ganzen Bewertungen her, die man seinen Schritten, Entscheidungen und seiner Lebenssituation aufdrückt? Diese Frage erfordert vermutlich ein Psychologiestudium, das ich nicht besitze. Ich besitze nur diese frechen, nervtötenden Stimmen, die nicht aus den beiden plappernden Kindermündern kommen, die hier zuhause auch noch rumlaufen.

Ich hatte also mal viele Pläne. Und dann kommt die Realität. Alles was ich mir einfach vorstellte, geht nicht. Oder zumindest nicht so einfach. Ich dachte, wir kommen nach Marokko und ich übertrage Zukunftspläne, Hobbies, Rituale, Gewohnheiten schnell ins andere Land. Ein Jahr zum Eingewöhnen hatte ich uns gegeben. Inzwischen sind es zwei Jahre. Das finde ich schon eine Frechheit meinerseits. Außerdem funktioniert die Übertragung unseres Familienalltags in das neue Land nicht so wie gedacht. Jedenfalls nicht bei mir. Es gibt oft Fragen, ob ich mir nicht einfach eine Nanny oder eine Putzfrau suchen kann?! Ja, wäre toll. Aber ist ist nicht so einfach. Ich nicht schnell eine Annonce in die Zeitung setzen. Grundvertrauen in fremde Menschen haben sie hier nicht.  Eher ein Grundmisstrauen.

Bei der Jobsuche klappert man neben der Internetrecherche einfach Firmen oder Läden seiner Branche ab und lässt seinen CV (Lebenslauf) da. Das wird Blasen geben. Aber was soll´s. Vielleicht weniger denken und einfach machen. Wenn es hier eben anders läuft, dann ist es so. Und ich will auch nicht alles auf die Umstände schieben. Vielleicht dauert es bei mir einfach länger. Statt alles immer zu ent-werten sollte ich versuchen zu lernen… das auf-werten.

Unser Leben hat sich doch auch dem marokkanischem Rhythmus angepasst.  Vielleicht sollten sich meine To Do-Listen und Erwartungen auch diesem Rhythmus anpassen. Vielleicht ist es auch gar nicht wichtig, geschweige denn möglich, dass ein Termin und eine Behörde nach der anderen am Tag abgehakt wird, damit ich übermorgen schon einen Job habe. Vielleicht geht es auch hier wieder um die Schritte, um jeden einzelnen und die Menschen, die man unterwegs trifft. Jeden Tag etwas Carpe Diem muss eben auch in der Jobsuche sein. Denn manchmal ist es nicht der Stempel, den ich nach drei Stunden Wartezeit auf mein Formular bekomme das, an was ich beim Zubettgehen mit einem Lächeln denke, sondern eher das Gespräch mit der alten Frau oder der Ladenbesitzerin oder ein witziger Satz von meinen Kindern. Also Ansprüche runterschrauben und wieder einmal den Blick für das Kleine, für das Detail schärfen. Fällt euch das auch so schwer?

 

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2 Kommentare zu „Pläne und was davon übrig bleibt

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  1. Ich kann dich nur zu gut verstehen! Ich bin seit 9 Jahren hier und habe mich IMMER NOCH nicht mit meiner Fotosammlung beschäftigt. Und ich stimme 100% mit dir überein. Ansprüche runterschrauben, im Moment sein und die Kleine Dinge im Leben genießen. Das ist hier im crazy Silicon Valley eine echte Herausforderung. Liebe Grüße!

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    1. Alle möglichen Bücher, Artikel ect sind voll davon wie wichtig die kleinen Dinge sind, aber mir fällt es doch schwer, das wirklich zu leben.
      Was macht es im Silicon Valley so schwierig? Bestimmt Kontrastprogramm zu Marokko, nehme ich an 😉

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