Nationalstolz auf marokkanisch

Von Fahnen und Hymnen

Was passiert mit euch, wenn ihr eine Hymne hört? Oder wenn ihr Fahnen seht? Manche Menschen scheinen sich vor Ergriffenheit an die Brust greifen zu müssen. Bei mir passiert gar nichts. Ich staune höchstens über andere. Die einzige Hymne, die bei mir etwas auslöst, ist die DDR-Hymne, aber nicht aus „Früher war alles besser“-Anwandlungen, sondern einfach weil wir sie damals einfach oft genug beim Fahnenappell geschmettert haben. Es passiert mir übrigens immer noch bis heute, dass ich aus Versehen den bundesdeutschen Text mit DDR-Melodie jodle, sollte ich aufgefordert werden die Deutsche Hymne zum Besten zu geben. Ich konnte einfach nicht oft genug üben. Nationale Gefühle sind ja auch nicht mehr das, was sie waren. Das passiert überdurchschnittlich oft im Ausland. Außerhalb Deutschlands scheinen Hymnen tatsächlich noch etwas wert zu sein. Das könnte sich inzwischen in Deutschland geändert haben. Ist ja auch wirklich langweilig ohne Fahne und Hymne…

Kinder lernen von klein auf

Nun .. Marokko hat auch eine Fahne und eine Hymne. Bitte fragt mich nicht nach dem Text und der Melodie. Aber YouTube hilft aus, sogar mit Übersetzung.   Besagte Hymne und Fahnen werden hier öfter mal geschwenkt. Grundsätzlich immer Montag morgen vor der ersten Stunde. Und das ist durchaus von der Schulbehörde so festgelegt. Ich habe das bisher nur einmal erlebt, weil wir in der Regel erst mit dem Klingeln eintreffen.

Aber letzten Freitag gab es wieder die Möglichkeit an der Schule zu schwenken und zu singen. Ich gehe davon aus, dass sehr viele Schüler am Freitag denselben Aktivitäten nachgegangen sind. Anlass ist der „Grüne Marsch„, der 1975 um die 50.000 Menschen in die Westsahara führte.

In der Schule offenbart sich meine nationale Inkompetenz

Ich verbuchte den 6. November ursprünglich unter „nicht weiter relevanter Tag zur freien Verfügung“. Aber es sollte anders kommen. Das erste, was kam, waren drei Sätze, die mein Sohn lernte:


„J´aime le Maroc. Le Maroc est petit, mais dans mon coeur il est grand.“

Ich liebe Marokko. Marokko ist klein, aber in meinem Herzen ist es groß.


Okay, geschenkt. Grundsätzlich würde ich das selbst unterschreiben, aber ich wusste vom grünen Marsch und begriff, dass der scheinbar eine nicht unerhebliche Rolle in der staatlichen Dramaturgie spielte. Aber das war nur die Vorbereitung. Am Freitag sollte es eine Veranstaltung geben. Meine Tochter dachte da an Musik, Tanz, Kekse und Spaß. Ich auch.

Solche Schulaktivitäten fügen meiner To Do-Liste unweigerlich immer Punkte hinzu, weil ich irgendwie nie da habe, was man zu Feierlichkeiten nun mal im Hause hat. Dass da für mich noch viel zu lernen gilt, zeigt der exemplarische Dialog zwischen mir und der Erzieherin meines Sohnes (3 Jahre) letzten Dienstag morgen:


Sie: „Am Freitag feiern wir den „Grünen Marsch“. Die Kinder ziehen am Besten etwas Schickes an. Habt ihr etwas Traditionelles wie eine Jilbiya?“

Ich lange in mein Gedächtnis – morgens um 8 Uhr ein wirklich schmerzhaftes Unterfangen – und sage irgendetwas wie: „Joah, bestimmt.“ Schien aber nicht sehr überzeugend zu klingen, weil

Sie nachhakt mit: „oder eine Soldatenuniform?“

was mich kurz verleitet zu denken, meine Denkfähigkeit sei heute noch nicht in Form und ich hätte mich eventuell verhört, daraufhin in ihr Gesicht sehe und weiß, ich habe schon richtig verstanden. Ich kann im letzten Moment mein Glucksen im Hals runterwürgen und sage nur: „Nein, auf keinen Fall.“ Eigentlich meinte ich damit, dass ich mich lieber vor der Schule als Spielverderberin oder Gastlandverräterin an einen Pfahl schnallen lasse, als dass mein Sohn eine Soldatenuniform trägt. Sie versteht aber: Nein, habe ich nicht.

Also will sie mir helfen mit: „Oder eine große marokkanische Fahne? Die kann er sich dann die um die Schulter binden und darin einwickeln.“ (Ich sehe den Armen schon über die überdimensionale Fahne stolpern, in die glückselig hymnisierenden Kinder fallen und sich heldenhaft und aufopferungsvoll für das marokkanische Volk eine Beule holen.)

Ich so: „Äh. Wir haben keine Fahnen zuhause.“ Der Armen dämmert es inzwischen langsam, dass sie es wohl mit einem Fall von ernsthafter Ignoranz zu tun hat und hat einen letzten Vorschlag:

„Hat er ansonsten ein rotes T-Shirt mit der Flagge?“ Mein Kopfschütteln lässt ihre letzte Hoffnung sterben auf ein anständig angezogenes Kind am Freitag. Aber jetzt habe ich einen Versöhnungsvorschlag:

„Ist ein rotes T-Shirt mit einem aufgenähten Stern auch okay? Ich kann ihm einen raufnähen.“


Sie schöpft Hoffnung… und ich finde, dass so ein selbstgemachtes T-Shirt wenigstens etwas Charakter hat.

Als wenn diese Hausaufgabe nicht schon genug ist für blutige Nähanfängerinnen wie mich, muss ich für beide eine Fahne (in der DDR hieß das Winkelement) besorgen. Also erst einmal die Info eingeholt, wo ich denn so etwas kaufen kann, denn im Ernst… bewusst danach gesucht habe ich bisher nicht. Im Buchladen um die Ecke werde ich fündig. Mein Sohn ist überhaupt nicht glücklich mit seiner Fahne, er wollte lieber eine blaue. Ich bin die Falsche, um ihn den Sinn dieser roten Winkelemente zu erklären. Aber wedeln kann man ganz wunderbar damit. Das tun die beiden dann so enthusiastisch und heftig, dass der Stoff anfängt aufzureißen, bevor sie überhaupt in der Schule ankommt. Jetzt saß ich abends da und habe Fahnen zusammengenäht! Ohne Worte….

Eine Wörterwolke aus dem Wort Chaos
pixabay.com

Die Kinder leiten das Boykott ein

Tag X begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und einem morgendlichen Desaster, welches einem Montagmorgen sehr würdig gewesen wäre. Sohnemann verweigert vehement den Schulbesuch, und lässt sich auch durch Ankündigung eines grandiosen Festes (ich fühlte mich echt scheußlich) nicht in Laune bringen. Tochter der Sonne war gar nicht angetan vom Kleid, was ich anschleppte. Es sollte doch bitte das-über-alles-geliebte, 1000mal getragene Elsa-Kleid sein. Das hätte ich echt einen super Kontrast zum Kontext gefunden, aber leider war es unauffindbar. Es brach das Chaos hoch 10 aus, mit literweise Tränen im Wechsel und Schrei-Soli. Aus diesem Getümmel schaffte ich es noch gerade so, einem Kind gut zuzureden und es ausgehfertig zu machen. Für zwei reichte die Zeit und Kraft nicht. Also ging meine Tochter. Und für Sohnemann hatte sich Kleider- und Accessoire-Frage erübrigt.

Ich gebe zu, ich hatte ein bisschen schlechtes Gewissen. Ich will niemanden verletzen, niemanden irgendetwas zeigen oder die Blöde sein. Das Fehlen an diesem Tag könnten überzeugte Uniformenträger durchaus als Affront werten. Es sollte nicht nach Boykott aussehen, aber tief im Inneren wusste ich, dass auch meine Tochter nur ein bisschen mehr Heulen, Aufstand und Drama auffahren hätte müssen … ich wäre eingeknickt. Ich hätte das Ganze sausen lassen. Aber eben nicht aus Widerstand. Noch nicht.

Fragen über Fragen

Ich stand nicht dahinter, weil mir die ganze Inszenierung ein Rätsel ist, ich nichts damit anfangen kann, es unnötig finde und für mich Nationalstaaten ein Konstrukt sind, genauso wie deren staatliche Feierlichkeiten. Ich lebe hier gerne und die Menschen mag ich so sehr, kann das aber ehrlich nicht über Fahneschwenken und Lieder singen ausdrücken. Denn das ist nicht meins. Ich kann das nicht.

Aber eben nicht aus Widerstand. Noch nicht. Denn da ist etwas. Wir sind angekommen. Jetzt kann ich mich endlich umschauen, lesen, fragen. Zum Beispiel, wie ich mich zu einem Ereignis positioniere, das für mich nicht nur friedlich scheint? Das völkerrechtlich ungeklärt ist.

Und es wirft Fragen auf, die mir vorher noch nicht kamen. Fragen, wie ich mich zur Politik hier verhalte? Was „dürfen“ wir als Nicht-Marokkaner und was nicht? Und halte ich mich daran? Was will ich meinen Kindern vermitteln und was auf keinen Fall? Wer sind wir hier eigentlich? Und was hat unser Tun für Konsequenzen? Wie und wo will ich mich einmischen? Jetzt wird es langsam spannend…

 

 

 

 

 

 

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