Ausländer in Marokko – das Leben als Außerirdische

Hilfe – meine Rolle ist falsch

Schon mal im falschen Film gewesen? Ihr versteht die Story, die Musik passt auch dazu, aber jetzt sollt ihr plötzlich rein springen und eine Rolle übernehmen. Ihr bekommt Schweißausbrüche, ihr fangt an zu stottern, ihr kennt den Text ja gar nicht. Und das Schlimmste, die Absprachen auch nicht. Wie geht´s nochmal weiter? Was macht man, wenn der Regisseur die Hand hebt? Als er die Faust ballt, ist plötzlich Pause, dabei denkst du, du kriegst gleich eine rein. Verwirrt?

Ja, ich auch. Des Öfteren hier. Inzwischen habe ich das Drehbuch gelesen, bin den Text durchgegangen, aber irgendwie ist es, als hätte ich jahrelang eine andere Rolle studiert und die will sich einfach nicht umschreiben lassen.

Ich benehme mich immer daneben

Ich rede mit Menschen, lache und lebe mit ihnen, aber dennoch gibt es einfach oft Momente, da verstehen sie mich nicht. Ich sage etwas und sie schauen mich plötzlich an, als ob sie über einen sofortigen Kontaktabbruch nachdenken. Dann weiß ich, dass jetzt wohl etwas falsch angekommen ist. Oder ich merke am Themawechsel, dass sie mit meiner Aussage so gar nichts anfangen können.

Ich gehe auf der Straße und kann mir alle 10 min. Kommentare anhören, weil ich entweder meine Kinder nicht richtig anziehe, nicht festzurre an meiner Hand, auf dem Klettergerüst rumturne oder mich höchstpersönlich als Erwachsene zum Spielen mit ihnen hinreißen lasse. Alles höchst merkwürdig.

Wenn diskutiert wird, ist garantiert: ich habe die andere Meinung!

Schon klar, ich werde es überleben. Es gibt Schlimmeres. An das Gefühl, dass es nicht immer flutscht, muss ich mich vielleicht einfach gewöhnen, auch wenn es nervt, und daran, dass Störungen in der Kommunikation sowie Fettnäpfchen zum Alltag gehören. Aber Angst macht es mir schon. Warum immer noch, nach zwei Jahren? Sollte ich nicht schon viel weiter sein?

Noch mehr Beispiele gefällig? Hier sind sie:

  • Mode:

Also ich und Mode sind jetzt nicht die engsten… Ich zieh halt irgendetwas an. Das ist in Marokko allerdings nicht so. Hier ziehen die meisten nicht irgendetwas an, es sei denn, sie sind über 80. Und das ist unabhängig davon, ob sie sich bedecken (also weite Abbayas, Jellabas usw. tragen oder ob sie Jeans, Minirock, Anzug lieber sehen. (Ja, kaum zu glauben aber wahr: marokkanische Frauen tragen nicht standardgemäß Kopftuch und Abbaya) Kleidung hat auch in Marokko mit dem Ausdruck jede_r eigenen Prioritäten, Persönlichkeit und auch Geschmäcker zu tun. Aber es gibt scheinbar Schuhe, die trägt man zu Hosen, Schuhe, die trägt man zu Abbaya und es gibt welche, die trägt man lieber gar nicht. Dummerweise gehört letzteres zu meinem Repertoire und qualifiziert mich damit zum hoffnungslosen Fall in Sachen Mode. Ein Paar meiner Treter gelten hier als Männerschuhe, ein anderes Paar haben eine Farbe, die nicht tragbar ist, wieder andere sind nur für den Sport … mehr Schuhe habe ich fast nicht mehr. Ich habe mich also dafür entschieden, mich nicht nach dem Mainstream zu richten.

  • Umgangsformen:

Ich sage NEIN, wenn ich nein meine. Und wenn ich etwas will, sage ich: Ich will. Gleich beim ersten Mal. Zum Beispiel Kuchen oder Kekse oder Kaffee. Es könnte sein, dass ich dadurch für manche ohne Manieren und unhöflich rüberkomme. Einfach weil sie anders erzogen wurden. (Exkurs: Hier läuft die Erziehung eher darauf hinaus, dass man dreimal gefragt wird, bevor man SCHEINBAR widerwillig noch einen Tee nimmt oder ein Stück Kuchen. Lest gerne hier mehr über Wenn Besuch kommt: Gastfreundschaft) Aber ich bin anders programmiert. Und das ändert man nicht einfach. Das schießt einfach aus mir raus. Ich bringe es auch nicht über mein Herz, meinen Kinder nach drei Bissen auf die Finger zu klopfen, weil die anderen sie für Vielfraße halten könnten. Ich lasse sie essen, bis sie satt sind. Punkt zwei auf der Qualifizierung zum wundersamsten Exemplar der Spezie Mensch.

  • Prioritäten:

Wenn ich die Wahl habe zwischen Strand, Meer oder saugen, auf dem Spielplatz rumlungern oder Fensterputzen, Kartenspielen oder aufräumen, Texte übersetzen, lernen oder kochen …. habe. Ja, ich entscheide mich immer gegen den Haushalt. Räusper. Es ist also nicht immer so geleckt wie bei anderen. Aber hey, gute Freundinnen werden nicht Krümelzählen. Aber klar ist auch, würden Leute kommen, dann wäre es gewöhnungsbedürftig und ich ein hoffnungsloser Fall. Daher bekomme ich auch immer Verstärkung an die Seite gestellt, wenn „wichtiger“ Besuch kommt. (Dann bricht nämlich Panik aus.)

  • Ich und Erziehung:

Davon abgesehen, dass ich regelmäßig Zusammenbrüche habe, weil ich mich echt als unfähig in Sachen Erziehung ansehe (und das, obwohl ich Pädagogik studiert habe, aber Theorie kann ja jede_r), muss ich meine Überzeugung immer auf Biegen und Brechen verteidigen. Nicht nur in der Schule. (Hier lest hier mehr zu meinem Verhältnis mit dem lieben Schulsystem und unseren Auseinandersetzungen) Ich habe darauf bestanden, in der Schule meinen Sohn eine Woche zu begleiten und ihn langsam dort einzugewöhnen. Andere Kinder wurden von ihren Eltern in die Gruppe geworfen und sind abgehauen. Das ist Usus. Ich wurde für meine Art auch immer von den Erziehrinnen angeguckt wie ein grünes Männchen. Außerirdische eben.

  • Weiterer schöner Punkt in der Erziehung:

Quality time mit Kindern. Haben wir viel zu selten, aber ja, ich spiele gerne mit meinen Kindern. Am liebsten bewegendes, Karten- oder Gesellschaftsspiele. In der Regel tun „meine“ Marokkanerinnen folgendes, wenn sie mich spielend mit den Kinder sehen: sie wählen direkt die Nummer des Arztes.

  • Homedeko:

Wenn man Kinder hat, wird man mit Bildern und Selbstgemachtem überhäuft. Wenn man brav ist J Ich dekoriere damit gerne Wände. Meine Schwägerin sagte dazu bei ihrem ersten Besuch mit verstörtem Blick: „Okay, wenn du Besuch bekommst, geht ihr vielleicht lieber nach oben.“ Ansonsten mögen die meisten für den besonderen Anlass Glitzer, Gold und üppig. Von Teeservice über Tischdecken bis zu Wandschmuck. Ich stehe auf nacktes Holz und Keramik. Immer noch.

 

Klingt alles nach Kleinigkeiten …  Aber alle diese und weitere Eigenschaften machen mich hier zu einem kuriosen Exemplar der Spezie Mensch. Ich für meinen Teil kann mit dem Gefühl, für andere seltsam zu sein, leben, aber es stören mich zwei Dinge:

  1. Dass ich erstens nur mit Menschen wirklich offen rede, die zumindest einen Teil ihres Lebens in Europa gelebt haben, und so meine Gedanken verstehen. Das widerspricht meinem Anspruch, mindestens doppelt so viele marokkanische wie nicht-marokkanische Freundinnen zu haben. Diesen Anspruch hatte ich ursprünglich, weil ich mich vor einer kleinen Parallelwelt inmitten der marokkanischen Gesellschaft schützen wollte. Muss ich mich von dem Gedanken also verabschieden?
  2. Ich befürchte, dass sich Marokkaner_innen ebenfalls mit mir komisch fühlen, weil ich eben so bin wie ich bin und im schlimmsten Falle sogar schämen (bezüglich meines „nichtkompatiblen Benehmens“ beim Essen und dem großen Schamgefühl ihrerseits gar nicht so abwegig). Beides führt eventuell dazu, dass ich nie wirklich richtig dazu gehören, nie richtig gute Freund_innen hier hätte und das, ja das fände ich schlimm.
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7 Kommentare zu „Ausländer in Marokko – das Leben als Außerirdische

Gib deinen ab

  1. Salam alaikom
    Dein Bericht könnte von mir sein. Mein deutsches Benehmen macht mich auch nicht immer beliebt und wenn du mal die Stimmung richtig verderben willst, dann sag einfach, dass du satt bist 😜
    Im Übrigen, wir lieben es bei dir zu sein, bei dir können wir uns immer so richtig deutsch benehmen.
    Bis dann incha allah – ich freu‘ mich aufs nächste Treffen ohne Klimper Rabim Teeservice, dann malen wir mit den Kindern wieder Bilder mit Fingerfarben, die wir uns wieder schön an die Wände hängen können 🤗

    Gefällt 1 Person

    1. Waleikum salam. Du weißt ja, ihr seid immer sehr sehr sehr herzlich willkommen. Gehört quasi schon zur Familie. Dann können wir uns wieder auf der Terrasse breit machen. Freu mich auf Euch alle.

      Gefällt mir

  2. Stelle ich mir auch schwierig vor… Aber vielleicht ist das tatsächlich der Preis, den man zahlt, wenn man woanders lebt? Besonders in so einer ganz anderen Kultur? Auf der anderen Seite sind zwei Jahre auch noch nicht die Welt und vielleicht spielt Glitzer in Marokko irgendwann eine geringere Rolle oder du magst es irgendwann. 🙂

    Liebe Grüße
    von Shirin ❤

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