Wie viele Sprachen sind zuviele? – Mehrsprachige Erziehung in Marokko

Ich hätte damals töten können für die Möglichkeit, mehr als eine Muttersprache zu haben. Die Vorstellung, mehrere Sprachen zu beherrschen, ohne dass man dafür etwas tun muss … wie herrlich! Ich krebse stattdessen jetzt seit Ewigkeiten mit dem Arabischen rum…. Aber hinsichtlich meinen Kindern frage ich mich genau das Gegenteil?

Vier Sprachen und mehr – kann das gut gehen?

Wir benutzen zwei Sprachen aktiv in unserer vierköpfigen Minifamilie: Deutsch und Marokkanisch (ich spreche bewusst nicht von Arabisch, denn obwohl es mit dem Hocharabischen Parallelen gibt, ist es ein Dialekt mit einem eigenen Vokabular). In den Privatschulen lernen die Kinder ab der Maternelle (3-5 Jahre) hauptsächlich Französisch. In der letzten Gruppe der Maternelle (Grande section) dann Hocharabisch und Französisch. Ab der ersten Klasse kommt Englisch dazu. In den staatlichen Schulen ist das Arabische noch deutlich wichtiger am Anfang als in den Privatschulen. Egal für welche Schule man sich entscheidet, ich frage mich, ob das nicht Kopfsalat gibt.

Okay, vielleicht sollte ich mich bisschen entspannen. Kiddies, die in ihrem Elternhaus nur Berberisch sprechen, müssen in der Schule auch plötzlich Arabisch lernen. Genauso wie unsere Kinder.

Wie viele Sprachen kann man lernen? – Marokko ist mehrsprachig.

Ist meine Skepsis vielleicht eher ein deutsches Problem? Drei Sprachen gelten in Deutschland schon als Ausnahme. Meist wird von Zweisprachigkeit ausgegangen, wenn überhaupt. Und die wurde in der Vergangenheit eher als Hindernis denn als Vorteil gesehen. Das hat sich zumindest in den letzten 20 Jahren geändert.

Aber Deutschland ist immer noch eher einsprachig, was global gesehen eine Ausnahme ist. 1139.000 Kinder wuchsen im Jahr 2016 in binationalen Familien auf. Das sind 12% aller Kinder. Die Dunkelziffer der mehrsprachigen Familien ist sicherlich deutlich höher. Eine Vielfalt, die sich im Bildungssystem und der Medienlandschaft nicht widerspiegelt.

In Afrika ist Mehrsprachigkeit der Regelfall. In Marokko ist das für viele Marokkanisch, Berberisch, Französisch. Im Norden außerdem Spanisch. Sicher sind nicht alle Sprachen gleich stark, aber sie spielen alle eine Rolle. Sie bestimmen den Alltag, die Medien, Fernsehsendungen , ja sogar die Nachrichten werden in allen vier Sprachen ausgestrahlt.

Dieses Sprachbad (Immersion) beeinflusst die Kinder. Aber dennoch bleiben meine Fragen. Muss oder sollte ich meine Kinder irgendwie unterstützen? Denn noch weiß ich nicht, wo werden sie leben, wo werden sie studieren oder arbeiten? Ich weiß nicht, was für sie wichtig sein wird. Ich weiß nur, was uns Eltern wichtig ist. Und, dass beide sehr stark in Deutsch sind, aber das eher nicht in der Schule behilflich ist. Also nachhelfen?

Sprache ist kein Datenaustausch – Sprache ist ein Gefühl…

das kann blockieren, das kann man aber auch nutzen.

Wenn nachhelfen … wie macht man es, ohne dass die Kinder auf die Barrikaden gehen? Wir durften nämlich erleben, dass Sprachen keinesfalls einfach nur austauschbar sind und extrem emotionsbeladen. War mir bis dato nicht bewusst, bis mein Mann versuchte, von heute auf morgen in einer anderen Sprache mit den Kindern zu kommunizieren. Hups, die Reaktionen waren eindeutig.

Ja, Sprache ist Heimat, Geborgenheit, rosarote Wolke oder DAS Mittel, um es richtig deftig krachen zu lassen. Tschuldigung, aber in Französisch klingt ein Wutausbruch immer noch sehr vornehm, hingegen gehe ich bei einem arabischen Konflikt eher mal in Deckung. Und so hängen bei den Kindern viele, viele Gefühle daran.

Dass man alles, wofür das Herz schlägt, viel schneller in die Birne kriegt, hat sich bei unserer Mademoiselle bewiesen. Meine Tochter hat sich kürzlich das Lesen in Deutsch selbst beigebracht. Gegen meinen Wunsch. Ich wollte noch warten. Dachte, das könnte dann die Aussprache mit dem Französischen total vermischen.

Aber ihr Wille war stärker. (Was auch sonst?) Sie hat es einfach versucht. Immer und immer wieder. Und siehe da. Ihre Begeisterung ist groß, dass da tatsächlich Wörter stehen, die sie aus unseren Gesprächen kennt und nur noch entziffern muss. Die Buchstaben machen einen Sinn, sind wie ein Geschenk, was nur ausgepackt werden muss. Sie liest und sie versteht. Die Luftsprünge, die sich nach jedem selbst entzifferten Wort macht, sind unbeschreiblich. Was für eine Motivation.

Auf diese Luftsprünge kann ich im Arabischen und Französischen warten. Logo. Ist auch bescheuert, wenn man Texte liest und nur ein Viertel davon kapiert. Hier läuft das Lernen anders herum. Erst lernt sie die Schriftsprache, das Verständnis kommt irgendwann später. Vielleicht. Die Motivation hält sich natürlich in Grenzen.

Ich frage mich also: Wie fördern ohne zu überfordern? Irgendwie habe ich auch nicht so viel Bock sie nach einem langen Schultag mit Sprachenlernen voll zu sappeln. Am besten ist natürlich spielerisch. Ich sehe also schon Schreckliches auf mich zu kommen. Im Klartext: Playmobil oder Arztspielen … auf Französisch oder Arabisch. Ähm, vielleicht ist das doch nicht so wichtig, ich bin dann mal weg 😉

Und … gibt es nun überhaupt ein Zuviel an Sprachen? 

Scheinbar nicht. Ich habe bisher nichts dergleichen gefunden. Es ist alles eine Frage der Vermittlung und der Konsequenz und der Freude. Ich will mehr wissen und werde es mit euch teilen.

Schaut auch bald bei mir in der Rubrik Mehrsprachigkeit vorbei.

Wie seht ihr das? Kennt ihr das Problem? Schreibt mir, ich freue mich besonders über Austausch.

Wollt ihr mehr wissen? Hier ein Artikel zu Mehrsprachigkeit im Allgemeinen: Das Gehirn hat Platz für viele Sprachen und die Seite des Netzwerkes zur frühkindlichen Zweisprachigkeit.

 Masalama und  Tschö

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2 Kommentare zu „Wie viele Sprachen sind zuviele? – Mehrsprachige Erziehung in Marokko

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    1. Hey, freut mich, dass es tatsächlich nochmal neue Perspektiven ins Spiel bringt. Leider drehe ich mich auch nur in meinem Alltagsrad, aber ich versuche die Augen und Antennen so offen wie möglich zu halten.

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